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Zwischen Anpassung und Selbststeuerung

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 53 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Unmasking ist kein einzelner Akt, sondern ein Prozess, der Zeit und gewisse Fertigkeiten erfordert.
Unmasking ist kein einzelner Akt, sondern ein Prozess, der Zeit und gewisse Fertigkeiten erfordert.

Im letzten Blog habe ich ausführlich darüber geschrieben, warum wir maskieren. Masking ist ein Coping-Mechanismus, um negatives Feedback zu vermeiden. Ein instinktives „Kopf-einziehen“, weil wir so sein wollen wie andere – oder zumindest nicht auffallen.

Sich selbst schützen zu wollen, ist nicht verkehrt. Masking hilft uns, durch Situationen zu kommen, die sonst zu viel wären.

Problematisch wird es dort, wo Masking unbewusst wird. Wo nicht mehr wir entscheiden, ob wir es einsetzen, sondern automatisch funktionieren.

Denn kostet Masking nicht nur Energie. Es kann langfristig zu Erschöpfung, Burnout oder depressiven Symptomen führen, weil diese dauerhafte Anpassungsleistung auf Dauer zu viel Kraft verlangt.


Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Masking richtig oder falsch ist. Sondern: Wie bekommen wir wieder Einfluss darauf, wann wir es einsetzen – und wann nicht?

Eine klare Schritt-für-Schritt-Anleitung gibt es dafür nicht. Masken abzulegen ist kein einmaliger Akt, sondern ein Lernprozess. Und dieser Prozess braucht bestimmte Fähigkeiten.


Der erste und zentrale Schritt ist Verstehen. Wenn ich meine eigene ADHS besser verstehe, maskiere ich weniger reflexhaft, weil ich Situationen differenzierter lesen und darauf reagieren kann. Verstehen heißt: zu wissen, wie mein Gehirn arbeitet. Was mich überfordert. Was ich brauche, um in Kontakt zu bleiben. Dieses Wissen eröffnet Optionen und ich kann anders reagieren, statt automatisch zu funktionieren.


Ein Beispiel:

Wenn mir jemand den Weg erklärt, ich aber nicht verstehe, welchen Ausgangspunkt mein

Einer Wegbeschreibung zu folgen funktioniert bei mir leider nicht. Der Link via Google-Maps ist ein echter Life-Saver.
Einer Wegbeschreibung zu folgen funktioniert bei mir leider nicht. Der Link via Google-Maps ist ein echter Life-Saver.

Gegenüber meint, merke ich sofort, wie Stress hochfährt. Ich fühle mich überfordert, und früher habe ich dann oft gereizt reagiert. Heute sage ich meist einfach: „Schick mir bitte den Google-Link.“

Oder eine andere Situation:

Wenn jemand in einen ungefilterten Informationsschwall verfällt, verliere ich ihn. Nicht aus Unwillen, sondern weil mein Gehirn keinen Anker findet. Was mir hilft, sind visuelle Bezugspunkte. Auch das kann ich benennen.


Weil ich weiß, was ich brauche und wie mein Gehirn funktioniert, kann ich Lösungen anbieten, ohne so zu tun, als würde ich alles verstehen oder ständig die Kontrolle haben.


An dieser Stelle wird auch deutlich, warum wir so häufig aneinander vorbeireden.

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass ihre Wahrnehmung die „normale“ ist. Das ist kein böser Wille, sondern ein klassischer impliziter Bias. Wir alle erleben die Welt aus unserem eigenen Kopf heraus und halten diese Perspektive zunächst für allgemein gültig.

Ein kleiner Moment aus einem Spaziergang mit einem Klienten:

Ich habe ihn gefragt:„Was glaubst du, wie viele Menschen sehen diesen Park genauso wie du?“ Er: „Ganz viele.“Ich: „Keiner. Du bist der Einzige, der ihn genau so erlebt.“

Das war ein echter Aha-Moment. Wir haben darüber gesprochen, was er mit diesem Ort verbindet – und was ich darin sehe.


Diese Erkenntnis ist zentral. Wir gehen davon aus, dass unsere Wahrnehmung normal ist. Deshalb irritieren wir als neurodivergente Menschen schnell, weil wir anders denken, anders wahrnehmen, andere Schwerpunkte setzen. Nicht besser, nicht schlechter, keine Superpower – einfach anders organisiert.

Das zu verstehen, nimmt Druck aus der Selbstabwertung. Ich bin nicht schwierig. Ich bin anders organisiert.


Aus diesem Verständnis folgt der nächste wichtige Punkt: Sicherheit.

Dort, wo wir uns sicher und angenommen fühlen, wird Masking oft überflüssig. Erklärungen helfen, werden aber nicht eingefordert. Wo wir nicht vorhersagen können, was passiert, wo soziale Sanktionen drohen, ist Masking dagegen eine verständliche Schutzreaktion.

Und ja: In manchen Kontexten ist es vollkommen legitim, sich zurückzunehmen, zu beobachten, sich zu schützen. Masking ist da nicht das Problem. Problematisch wird es dort, wo Masking dauerhaft und unbewusst zum einzigen verfügbaren Modus wird.


Diese Sicherheit entsteht dort, wo wir lernen, gut für uns zu sorgen – im Kontakt mit anderen und mit uns selbst.

Dazu gehört zunächst, Dinge zu entkoppeln, die lange miteinander verknüpft waren. Mein Wert hängt weder an meiner Leistung noch daran, wie reibungslos ich sozial funktioniere. Selbstwert, Leistungsfähigkeit und soziale Glätte sind unterschiedliche Ebenen.



Wir können unser Gegenüber nicht kontrollieren oder verändern. Aber wir können kontrollieren, wie wir darauf reagieren.
Wir können unser Gegenüber nicht kontrollieren oder verändern. Aber wir können kontrollieren, wie wir darauf reagieren.

Ein weiterer, wichtiger zentraler Punkt, den wir lernen müssen ist: Grenzen setzen. Grenzen setzen heißt nicht, hart oder abweisend zu sein. Es heißt, frühzeitig zu merken, wann etwas zu viel wird, und das nach außen sichtbar zu machen. Nicht als Vorwurf, sondern als Information. Wer das vertiefen möchte: Im Adventskalender habe ich dazu einen eigenen Beitrag.


Es klang in meinen Beispielen schon an: Klar zu kommunizieren, was ich brauche, ist eine Kernkompetenz, die wir uns selber schuldig sind. Ganz essentiell hier: Ich-Botschaften. Nicht: „Du überforderst mich.“ Sondern: „Ich merke gerade, dass es für mich zu viel wird.“ Das verändert die Dynamik, ohne das Gegenüber anzugreifen.


Auch wenn der Zusammenhang nicht sofort offensichtlich ist, aber zu wissen, wann meine Energie hoch ist und wann sie kippt hilft enorm. Pausen nicht erst dann zu machen, wenn nichts mehr geht, sondern sie als Teil von Selbststeuerung zu begreifen. Und auch Regulation ernst zu nehmen: kurze Unterbrechungen, Bewegung, Rückzug, Atmung – all das sind keine Extras, sondern Grundlagen.


Am Ende geht es immer wieder um bewusste Entscheidungen: Wo zeige ich mich? Wie viel zeige ich? Und wo ist es gerade sinnvoll, mich bewusst zu schützen?


Unmasking bedeutet nicht, überall alles zu zeigen. Sondern die Kontrolle darüber zurückzugewinnen, wem ich mich wie zeige – und damit besser mit meiner Energie haushalten zu können.


Zum Schluss noch ein Gedanke, der in diesem Text immer wieder mitschwingt: Wenn wir beginnen, bewusster mit Masking umzugehen, landen wir früher oder später bei einer tieferen Frage. Nicht nur: Was mache ich da eigentlich? sondern: Wer bin ich – jenseits dieser Anpassungen?


Genau darum wird es im nächsten Blog gehen. Um Identität. Um das, was bleibt, wenn wir anfangen, genauer hinzuschauen, was zu uns gehört – und was wir uns im Laufe der Zeit angeeignet haben, um klarzukommen. Diese Fragen lassen sich nicht schnell beantworten. Aber sie lassen sich stellen. Und das verändert oft schon mehr, als man denkt.


 
 
 
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