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Fake It Till... You Burn Out.

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit


Masking ist ein gesellschaftliches Problem - kein Individuelles.
Masking ist ein gesellschaftliches Problem - kein Individuelles.

Masking bei ADHS – was die Forschung zeigt und warum das kein individuelles Problem ist


Wir leben in einer Gesellschaft, die Anpassung belohnt. Wer funktioniert, gilt als belastbar. Wer sich zusammenreißt, als professionell. Wer nicht auffällt, als unkompliziert.

Für viele neurodivergente Menschen ist genau das der Maßstab, an dem sie täglich gemessen werden.

Im letzten Blog (Smoke and Mirrors) habe ich beschrieben, wie sich Masking für mich anfühlt. Heute möchte ich den Blick weiten. Weg von meinem Erleben, hin zu der Frage:


Was sagt eigentlich die Forschung zu Masking bei ADHS?

Denn je mehr ich mich mit den Studien beschäftigt habe, desto klarer wurde: Das, was wir oft als individuelles Thema behandeln, ist in Wahrheit ein strukturelles.


Masking: kein Randthema, sondern ein Muster

Der Begriff Masking oder Camouflaging stammt ursprünglich aus der Autismusforschung. Gemeint ist das bewusste oder unbewusste Anpassen des eigenen Verhaltens an soziale Erwartungen, um nicht aufzufallen, nicht anzuecken, nicht negativ bewertet zu werden.

In den letzten Jahren zeigen Studien jedoch zunehmend:

Auch Erwachsene mit ADHS maskieren – deutlich häufiger als neurotypische Vergleichsgruppen.

Eine niederländische Studie mit Erwachsenen mit ADHS fand erhöhte Camouflaging-Werte im Vergleich zu Kontrollgruppen, selbst wenn kein Autismus vorlag (siehe z. B. van der Putten et al., 2024, PubMed).Hier wurde ein Camouflaging-Fragebogen eingesetzt, der ursprünglich für Autismus entwickelt wurde – und trotzdem bei ADHS klare Effekte zeigte. Wennn auch nicht so deutlich wie bei Autisten, aber dennoch häufiger als bei Neurotypischen.

Das allein ist schon spannend. Wirklich relevant wird es aber beim Blick auf die Folgen.


Anpassung funktioniert – aber sie hat Nebenwirkungen


Masking hilft dabei, im Außen stabil zu wirken – aber es schützt nicht vor innerer Erschöpfung. Im Gegenteil.
Masking hilft dabei, im Außen stabil zu wirken – aber es schützt nicht vor innerer Erschöpfung. Im Gegenteil.

Mehrere Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen starkem Masking und psychischer Belastung.

Eine aktuellen Studie mit erwachsenen Frauen mit ADHS legt nahe, dass höheres Masking g einhergeht mit

  • mehr depressiven Symptomen

  • geringerer Lebenszufriedenheit

und das selbst dann, wenn andere Einflussfaktoren statistisch kontrolliert wurden(Mikulski et al., 2024, PubMed).

Mit anderen Worten: Masking hilft dabei, im Außen stabil zu wirken – aber es schützt nicht vor innerer Erschöpfung. Im Gegenteil.


Masking ist kein individuelles Problem – sondern ein systemisches

Ein Punkt ist mir beim Lesen der Studien besonders wichtig geworden –und er geht weit über individuelle Bewältigungsstrategien hinaus.


Masking ist keine Schwäche. Und es ist auch kein Zeichen von Unauthentizität.


Masking ist ein Anpassungssignal. Ein Hinweis darauf, dass Menschen gelernt haben, sich selbst zu regulieren, weil das Umfeld wenig Spielraum lässt.


Oder anders gesagt:Menschen mit ADHS maskieren nicht, weil sie falsch sind. Sie maskieren, weil es oft notwendig war. Nicht aus Spielerei. Nicht aus Bequemlichkeit. Sondern aus Angst vor Ablehnung, vor Abwertung – und ganz konkret: vor Nachteilen.


Wer neurodivergent ist, lernt früh, dass Abweichung kostet. Ernstgenommen werden. Den Job behalten. Karriere machen. All das ist häufig an „normales“ Verhalten geknüpft – an Maßstäbe, die stillschweigend gelten und selten hinterfragt werden.



Ob wir wollen oder nicht - wir sind anders
Ob wir wollen oder nicht - wir sind anders

Hier kommt ein weiterer Begriff ins Spiel: implizite Bias. Unbewusste Erwartungen daran, wie konzentriert, belastbar, strukturiert oder „professionell“ jemand zu sein hat. Diese Maßstäbe sind nicht neutral – sie sind normiert.


Masking ist deshalb kein individuelles Defizit, sondern eine logische Reaktion auf ein System, das noch immer vor allem Neurotypisches belohnt.


Und ja: Social Media hilft – und wird gleichzeitig abgewertet

Soziale Medien haben dazu beigetragen, dass ADHS sichtbarer geworden ist.Dass Menschen Sprache für ihr Erleben finden.Dass sie sich wiedererkennen.

Gleichzeitig schlägt ihnen oft Skepsis entgegen:„Jetzt hat ja plötzlich jeder ADHS.“„Das ist doch nur ein Trend.“

Diese Kritik übersieht etwas Zentrales: Sichtbarkeit ist kein Beweis für Überdiagnostik – sondern oft ein Zeichen dafür, dass etwas lange unsichtbar war.

Dass Menschen sich trauen, Dinge zu benennen, die sie früher verschwiegen haben.Auch das ist ein Schritt raus aus dem Masking.


Warum wir mehr brauchen als individuelle Strategien

So wichtig Selbstverständnis, Coaching und persönliche Entwicklung sind –sie reichen allein nicht aus.

Wir brauchen:

  • strukturelle Unterstützung

  • Rückhalt aus Politik und Arbeitswelt

  • Führungskräfte, die Neurodivergenz ernst nehmen

  • und genug Offenheit im Alltag, damit Menschen nicht permanent „funktionieren“ müssen


Denn eines ist klar: Ausgebrannte Menschen sind weder produktiv noch kreativ.

Nicht für Unternehmen. Nicht für Gesellschaft. Nicht für sich selbst.

Wenn neurodivergente Menschen dauerhaft maskieren, verlieren am Ende alle. Wenn sie Raum bekommen, sie selbst zu sein, gewinnen alle.

Das ist keine Nischenforderung. Das ist eine Zukunftsfrage.


Fake it till you burn out ist kein nachhaltiges Modell

Masking hat vielen von uns geholfen, durchzukommen. Durch Schule. Durch Ausbildung. Durch Jobs, die wenig Spielraum lassen. Aber eine Strategie, die auf Dauer zur Erschöpfung führt, ist keine Lösung – weder individuell noch gesellschaftlich.

Wenn neurodivergente Menschen permanent Energie darauf verwenden müssen, „normal“ zu wirken, fehlt diese Energie dort, wo sie gebraucht wird: für Kreativität, Problemlösung, Innovation, Beziehung, Leben.

Ausgebrannte Menschen sind nicht produktiv. Nicht kreativ. Und ganz sicher nicht langfristig leistungsfähig.

Deshalb reicht es nicht, immer nur an individueller Anpassung zu arbeiten.Wir brauchen Strukturen, die Vielfalt aushalten.Arbeitswelten, die nicht nur ein Funktionsprofil kennen.Und eine gesellschaftliche Haltung, die Neurodivergenz nicht als Störung, sondern als Realität begreift.


Mein persönlicher Wunsch – und mein beruflicher Antrieb – ist genau das:Räume zu schaffen, in denen Menschen nicht erst ausbrennen müssen, um ernst genommen zu werden.


Wenn dich dieser Text angesprochen hat, dann vielleicht deshalb, weil du selbst merkst:Dauerhaftes Funktionieren hat einen Preis.

Und vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, innezuhalten und zu fragen: Was davon ist wirklich nötig – und was darf leichter werden?




 
 
 

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