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Smoke & Mirrors

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Offenheit oder die Energie des Gegenübers zu spiegeln ist oft Selbstschutz und gründet aus dem Bedürfnis "dazu" zu gehören.
Offenheit oder die Energie des Gegenübers zu spiegeln ist oft Selbstschutz und gründet aus dem Bedürfnis "dazu" zu gehören.

Über Offenheit, Masking – und das, was trotzdem verborgen bleibt


Ich habe mich lange für einen sehr authentischen Menschen gehalten.„What you see is what you get“ war nicht nur ein Spruch, sondern etwas, das ich ehrlich über mich geglaubt habe. Und in gewisser Weise stimmt das auch.

In Teammeetings, bei Spielen à la „Von wem könnte dieses Bild sein?“, war meist sofort klar: Das gehört zu Meike. Ich war sichtbar, erkennbar, eindeutig.

Und doch ist das nur ein Teil der Geschichte.


Offen, aber nicht schutzlos

Eine Kollegin hat sich einmal so beschrieben: nicht fake, nicht verstellt – sondern fähig, je nach Situation unterschiedliche Seiten von sich in den Vordergrund zu stellen. Das ist normal. Das machen wir alle.

Bei mir hatte dieses „Offen-Sein“ allerdings noch eine zweite Ebene. Rückblickend war es auch eine Form von Masking.

Ich habe viel von mir erzählt. Vielleicht zu viel. Ich habe Oversharing betrieben, nahbar gewirkt, transparent. Der Eindruck war: Meike ist ein offenes Buch.

Was dabei kaum jemand gesehen hat: Meine Ängste. Meine Zweifel. Meine verletzlichen Stellen.

Die habe ich im beruflichen Kontext praktisch nie gezeigt. Und auch privat gibt es nur eine sehr kleine Handvoll Menschen, die wirklich wissen, wo meine Achillesfersen liegen – inklusive dunkler Seiten und dunkler Zeiten.


Extrovertiert wirken, introvertiert sein

Ich wollte immer nahbar wirken.Tatsächlich bin ich eher schüchtern. Und introvertiert.

Das überrascht viele. Selbst Kooperationspartner sagen mir: „Dich hätte ich nie für introvertiert gehalten.“ Was sie sehen, ist meine extrovertierte Seite – die ich in sozialen Kontexten bewusst nach vorne schiebe. Sondern weil sie schützt.


Der Endgegner: Netzwerken

Durch diese Mischung aus Introversion, Schüchternheit und Angst vor Ablehnung fällt es mir extrem schwer, aktiv auf Menschen zuzugehen. Netzwerktreffen sind für mich der Endgegner.

Alleine hingehen. Sich vorstellen. Kontakte knüpfen. Smalltalk. Das kostet unfassbar viel Energie.

Auch im Trainingskontext zeigt sich das. Ich möchte, dass Menschen sich bei mir willkommen fühlen. Dass sie auf mich zukommen können. Dass sie sich sicher fühlen.

Und genau deshalb halte ich oft Dinge aus, die für mich eigentlich nicht gesund sind.


Nähe aushalten, obwohl sie zu viel ist

Ein Beispiel: persönlicher Abstand.

Mein persönlicher Wohlfühlabstand ist relativ groß. Deshalb sind Arztbesuche für mich extrem anstrengend – Zahnarzt, Frauenarzt, alles, was körperlich nah wird.

In Trainings oder Gruppensituationen treffe ich immer wieder auf Menschen, deren Wohlfühlzone deutlich kleiner ist als meine. Sie kommen mir sehr nahe – körperlich, räumlich.

Meine Strategie war lange: mich anpassen. Nicht zurückweichen. Nichts sagen. Aushalten.

Warum? Weil mein Ziel war, dass sich andere bei mir wohlfühlen. Dass sie keine Hemmung haben, auf mich zuzugehen oder Fragen zu stellen.


Spiegel statt Maske

Der zweite Teil von Smoke & Mirrors liegt im Spiegeln.

Ich neige stark dazu, Energien im Raum aufzunehmen und zurückzugeben.Ein Beispiel: Ich war einmal mit einem Ex-Freund im Fußballstadion. Fußball interessiert mich kein bisschen – und trotzdem hatte ich richtig Spaß. Die Stimmung war ansteckend.

Ich bin dadurch kein Fußballfan geworden. Aber hätte die Beziehung gehalten und er mich öfter gefragt, ob ich mitkomme, hätte ich wahrscheinlich Ja gesagt. Wegen der gemeinsamen Zeit. Wegen der Atmosphäre.

So funktioniere ich auch in Gesprächen.

Ich spiele niemandem etwas vor. Wenn jemand rassistisch ist, werde ich nicht spiegeln, nur um Konflikte zu vermeiden.

Aber ich habe ein breites Interessensspektrum. Wenn jemand Tango liebt, Filme, bestimmte Themen – und ich teile das oder bin neugierig – dann gehe ich da mit. Ich lasse mich mitreißen. Ich lerne gern dazu.

Und genau hier spiegele ich.


Ich verstecke mich gern hinter dieser Offenheit. Hinter dem Spiegel: „Schau, ich bin wie du.“


Das, was mich wirklich ausmacht, was ich tief denke, wie ich über mich selbst urteile – das kennen nur wenige Menschen.

Das ist kein rein neurodivergentes Thema. Viele werden sich darin wiederfinden.

Für neurodivergente Menschen ist es aber besonders wichtig, sich bewusst zu machen:

  • Wann maskiere ich?

  • Wann passe ich mich an?

  • Und wo kostet mich das deutlich mehr Energie als andere?


Beispiel: Wenn der Körper mitmisst

Heute Morgen war ich zwei Stunden beim Zahnarzt. Blombe, Zahnreinigung, Scan für eine Knirscherschiene. Ich habe die ganze Zeit ruhig gesessen. Und trotzdem zeigt mein Tracker: Das war für meinen Körper ein Cardiotraining. Mein Puls hoch, Stressreaktion, Energieverbrauch.

Jetzt sitze ich hier, warte auf meinen Kooperationspartner – und möchte eigentlich nur nach Hause.

Und ich entscheide sehr bewusst, mit wem ich das in der Tiefe teile.


Februar: Maskenball

Weil Masking so viele Facetten hat – und so viele Gründe – wird mein Schwerpunkt im Februar genau dieses Thema sein. Passend zum Karneval.

Was bedeutet Masking für uns? Wo schützt es uns?Wo schadet es uns? Und wo können wir es bewusst reduzieren – und wo vielleicht nicht?


Eine Einladung, keine Forderung

Zum Abschluss eine Einladung an dich:

Beobachte dich im Alltag. Wann bist du wirklich offen? Wann nicht? Und warum?

Nicht jede Maske ist falsch. Nicht jede Anpassung problematisch.

Es geht nicht darum, immer hundertprozentig authentisch zu sein. Sondern darum, bewusst zu entscheiden, wann du es bist – und wann nicht.

Nicht aus Angst vor Ablehnung. Sondern aus Selbstfürsorge.

In diesem Sinne:Hab einen guten Start in den Februar.

 
 
 

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