ADHS und Introspektion: Warum ich oft erst später merke, wie es mir geht
- Meike Parker
- vor 5 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Und auf einmal steht die Welt still.
Nicht langsam. Nicht mit Ansage.
Sondern zack.
Und du hast das Gefühl, du bist in ein seltsames, dunkles Paralleluniversum geworfen worden. Alles ist noch da. Aber irgendwie fühlt sich nichts mehr richtig echt an.
Und das Verrückteste ist:
Du kannst dir selbst dabei zuschauen.
Der Tod meiner Mutter hat genau das in mir ausgelöst.
Ich weiß rational ziemlich genau, was passiert. Ich weiß, was das bedeutet. Ich weiß auch, wie es mir wahrscheinlich gehen müsste.
Aber emotional komme ich oft erst später hinterher.
Und ich glaube, genau das verstehen viele Menschen bei ADHS nicht:
Dass wir manchmal nicht nur Probleme damit haben, unsere Aufmerksamkeit zu steuern.

Sondern auch damit, uns selbst wahrzunehmen.
Das betrifft Gefühle.
Aber nicht nur Gefühle.
Viele Menschen mit ADHS kennen das wahrscheinlich:
Du bist so im Hyperfokus, dass du plötzlich feststellst, dass du seit Stunden nichts gegessen oder getrunken hast. Oder du merkst erst, dass du auf Toilette musst, wenn es wirklich dringend ist.
Du merkst Stress oft erst dann, wenn dein Körper komplett dicht macht.
Du merkst Erschöpfung erst dann, wenn du abends wie ein Zombie auf dem Sofa sitzt und dich fragst, warum heute plötzlich gar nichts mehr geht.
Und genau das passiert manchmal auch emotional.
Während andere vielleicht sofort in ihren Gefühlen versinken, springt mein Gehirn erstmal in Analyse und Planung:
Okay. Das ist die Situation. Daran können wir nichts ändern. Also: Was ist jetzt zu tun?
Und plötzlich läuft da ein Plan.
Wer kümmert sich um was? Was kommt auf uns zu? Welche Entscheidungen müssen getroffen werden? Wie koordinieren wir uns?
Nicht kalt. Nicht gefühllos. Sondern einfach mein System.
Früher hätte mich das wahrscheinlich komplett verunsichert.
Ich hätte mich gefragt: Warum bin ich nicht trauriger? Warum funktioniert mein Gehirn gerade wie ein Projektmanagement-Tool?
Heute kann ich mir dabei zuschauen und denken:
Ah. ADHS.
Und ehrlich gesagt bin ich dafür gerade sogar ein bisschen dankbar.
Weil mein Gehirn in solchen Situationen nicht einfach abstürzt. Sondern erstmal versucht, Struktur in das Chaos zu bringen. Das Problem ist nur: Die Gefühle verschwinden dadurch nicht. Sie kommen nur oft zeitversetzt.
Ich glaube, viele von uns funktionieren deutlich länger, als sie eigentlich können. Einfach, weil unser Gehirn die Signale nicht sauber priorisiert.
Nicht nur emotional. Auch körperlich.
Hungrig? Müde? Überfordert? Traurig?
Oft merken wir das erst dann, wenn es eigentlich schon viel zu viel geworden ist.
Ich habe vor kurzem etwas gelesen, das ich gerade unglaublich spannend finde. Auchbei ADHS kann man Introspektion lernen.
Die Idee ist eigentlich total simpel:
Sich ein- oder zweimal am Tag kurz hinzusetzen und sich zu fragen:
Was fühle ich gerade?
Und die Antwort darf maximal aus zwei Worten bestehen.
Keine Analyse. Kein „…weil“. Kein Zerdenken.
Einfach nur:
Traurig. Schwer. Leer. Ruhig. Leicht. Überfordert.
Oder auch ganz banal:
Hungrig. Durstig. Müde.
Und erst danach kommt die zweite Frage:
Was brauche ich gerade?
Ein Glas Wasser? Ruhe? Essen? Zwei Minuten mit geschlossenen Augen? Bewegung? Nähe?Alleinsein?
Vielleicht klingt das absurd simpel.
Aber ich glaube, viele Menschen mit ADHS haben nie wirklich gelernt, diese Signale früh wahrzunehmen. Weil wir so beschäftigt damit waren, mitzuhalten. Zu funktionieren.Uns anzupassen. Weiterzumachen.
Und vielleicht ist genau das gerade meine wichtigste Erkenntnis:

Dass ich nicht mein ganzes Leben damit verbringen möchte, nur zu funktionieren.
Nicht immer erst zu merken, wie es mir geht, wenn ich längst über meine Grenzen gegangen bin.
Sondern früher hinzuschauen. Früher wahrzunehmen. Früher zu leben.




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