Warum Cardiotraining Traurig machen kann
- Meike Parker
- vor 41 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

Ich habe euch ja schon ein paar Mal erzählt, dass ich morgens zum Sport gehe. Nicht, weil ich besonders diszipliniert bin oder weil ich unbedingt durchtrainiert sein möchte, sondern weil Bewegung mir hilft, meine ADHS zu managen. Sport fördert unter anderem die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin, also genau von den Botenstoffen, von denen es bei ADHS gefühlt nie genug zu geben scheint.
Jetzt hatte ich aus verschiedenen Gründen eine längere Pause. Zipperlein, Alltag, und naja – ich habe eben auch ADHS und Routinen bleiben bei mir nicht automatisch für immer stabil. Also bin ich gerade dabei, meine Morgenroutine mit Sport wieder aufzubauen.
Was mir dabei aufgefallen ist: Nach dem Krafttraining geht es mir meistens gut. Aber nach dem Kardiotraining bin ich erstaunlich oft traurig. Nicht ein bisschen nachdenklich, sondern richtig traurig. Dünnhäutig. Manchmal auch einfach leer.
Mein erster Gedanke war natürlich: Mist, das kenne ich. Ich habe mein Leben lang immer wieder mit depressiven Phasen zu tun gehabt. Also dachte ich sofort: Oh oh, jetzt geht es mental wieder bergab.
Und dann hatte ich einen anderen Gedanken:Was, wenn es gar nicht (nur) psychologisch ist? Was, wenn es auch körperliche Gründe gibt?
Also habe ich angefangen zu recherchieren. Und es stellt sich heraus: Es gibt tatsächlich mehrere ziemlich plausible biologische Erklärungen dafür, warum man sich nach Kardiotraining traurig oder emotional instabil fühlen kann.
1. Sport verändert Neurotransmitter – und jede Veränderung hat auch eine Gegenbewegung
Beim Ausdauertraining werden verschiedene Neurotransmitter ausgeschüttet: Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und auch Endocannabinoide, die unter anderem für das bekannte „Runner’s High“ verantwortlich sind.
Das Problem ist nur: Diese Stoffe steigen nicht einfach und bleiben dann oben. Sie steigen während und kurz nach dem Training und fallen danach auch wieder ab. Und dieser Abfall kann sich emotional wie ein kleiner Crash anfühlen.
Wenn man sowieso ein empfindliches Dopamin-System hat, kann dieser Danach-Effekt stärker spürbar sein. Dann fühlt sich das nach dem Sport nicht nach entspannt und zufrieden an, sondern eher nach leer, traurig oder reizbar.
2. Cardio ist für den Körper erstmal Stress
Was viele vergessen: Aus Sicht des Körpers ist intensives Kardiotraining erstmal Stress. Der Körper schüttet Cortisol aus, also ein Stresshormon. Kurzfristig ist das überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil, das gehört zu Training und Anpassung dazu.
Aber: Wenn man sehr intensiv trainiert, kann Cortisol auch noch nach dem Training erhöht sein. Und erhöhte Cortisolspiegel können sich emotional äußern wie:
innere Unruhe
Reizbarkeit
Traurigkeit
Erschöpfung
das Gefühl, emotional dünnhäutig zu sein
Mit anderen Worten: Man fühlt sich nicht traurig, weil das Leben plötzlich schrecklich ist, sondern weil der Körper gerade im Stress- und Erholungsmodus ist.
3. Blutzucker – ein völlig unterschätzter Faktor
Der dritte Punkt ist fast schon banal, aber extrem wichtig: Blutzucker.
Wenn man morgens nüchtern Cardio macht oder zu lange beziehungsweise zu intensiv trainiert, kann der Blutzucker danach ziemlich absacken. Und ein niedriger Blutzucker fühlt sich emotional erstaunlich schnell an wie:
Traurigkeit
Weinerlichkeit
Hoffnungslosigkeit
Reizbarkeit
„Ich kann einfach nicht mehr“
Man interpretiert das dann psychologisch, obwohl es in Wirklichkeit auch schlicht ein Energieproblem sein kann.
Ich werde jetzt auf jeden Fall mal den Selbstversuch machen: Vor dem Sport frühstücken und schauen, ob sich etwas verändert.
4. Und dann gibt es noch einen psychologischen Effekt
Ein Punkt, über den kaum jemand spricht: Beim Sport ist der Kopf beschäftigt. Der Körper arbeitet, man hat eine Aufgabe, einen Rhythmus, einen Puls, eine Strecke, Wiederholungen. Danach wird es plötzlich still.
Und in dieser Stille kommen manchmal Gefühle hoch, die vorher einfach keinen Platz hatten. Sport wirkt dann nicht wie ein Stimmungsaufheller, sondern eher wie ein Deckelöffner.
Nicht der Sport macht die Gefühle, aber er kann dafür sorgen, dass man sie plötzlich deutlicher spürt.
Was ich daraus für mich mitnehme
Für mich war das eine wichtige Erkenntnis. Weil es mir wieder einmal gezeigt hat, dass ich nicht alles glauben darf, was mein Kopf oder meine Gefühlslage mir in einem bestimmten Moment erzählt.
Nur weil ich mich nach dem Cardio traurig fühle, heißt das nicht automatisch:„Ich rutsche wieder in eine Depression.“
Es kann auch heißen:
Meine Neurotransmitter fahren gerade Achterbahn.
Mein Körper ist im Stressmodus.
Mein Blutzucker ist im Keller.
Oder mein Kopf wird gerade einfach still genug, dass Gefühle Platz haben.
Und das ist ein großer Unterschied.
Ich glaube, ich sollte wirklich endlich dieses Buch lesen: „Don’t believe everything you think.“
Und ganz konkret werde ich jetzt erstmal etwas sehr Unpsychologisches tun:Vor dem Sport frühstücken. Weniger hartes Cardio. Und dann schauen wir mal, was passiert.
Manchmal sind Gefühle nämlich keine Wahrheiten.Manchmal sind sie einfach Biologie.




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