Eine zeitlose Zeit - bzw: Das ADHS-Paradox: Struktur vs. Neuheit
- Meike Parker
- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Während ich dies tippe, sitze ich auf der Terrasse unserer Ferienwohnung und genieße die Sonne. Es sind unsere letzten Tage, und die sollen nochmal richtig warm und sonnig werden. Wenn ihr das lest, bin ich schon wieder zurück in Stuttgart. Naja – immerhin ist kein Regen angekündigt.
Ich habe mich so auf diesen Urlaub gefreut. Eine richtige Auszeit. Mal rauskommen. Andere Dinge sehen, anderes Essen essen, mich in einer Sprache ausprobieren, die ich erst vor ein paar Monaten angefangen habe zu lernen.
So sehr ich mein Leben mag. So sehr mir meine Routinen guttun. So sehr ich sie mir (mal mehr, mal weniger) erarbeitet habe - So sehr habe ich manchmal das Gefühl, dass mich genau das auch erstickt.
Als würde mir mein Leben zu klein. Als gäbe es da draußen noch so viel mehr.Mehr Menschen, mehr Möglichkeiten, mehr Welt.
Als wäre ich in der Wüste – und das rettende Wasser ist nur eine Handbreit außer Reichweite.
Früher habe ich in solchen Phasen gerne mal den Job gewechselt. Oder den Partner. Mir eine komplett andere Frisur verpasst, die Wohnung umgeräumt, meinen Kleidungsstil verändert oder ein neues Hobby angefangen. Und ganz ehrlich: Das ist erstmal gar keine schlechte Strategie. Nur hält der Effekt selten lange.
Irgendwann wird auch der neue Job Alltag. Der neue Partner ist doch nicht perfekt. Und man selbst… ist ja immer noch mit dabei.
Seit meiner Diagnose kann ich diese Dynamik besser einordnen. Ich schmeiße nicht mehr alles hin, nur um wieder dieses Gefühl von „Neu“ zu bekommen. Ja, ich ertappe mich trotzdem dabei, dass ich Menschen interessant finde. Dass mein Kopf manchmal Geschichten spinnt. Aber ich stelle mein Leben nicht mehr jedes Mal komplett in Frage.
Diese seltsame Hassliebe
Routinen sind für viele ADHSler eine Hassliebe. Wir brauchen sie. Sie sparen Energie.Sie
geben Struktur. Sie halten uns irgendwie zusammen.
Und gleichzeitig… nutzen sie sich ab. Werden leise. Hören auf, „etwas zurückzugeben“.
Was am Anfang noch trägt, fühlt sich irgendwann an wie Stillstand. Die Forschung hat dafür tatsächlich ziemlich treffende Begriffe.
Warum „neu“ sich so gut anfühlt
Ein Konzept nennt sich Novelty Seeking.
Neuheit wird im ADHS-Gehirn nicht einfach nur registriert – sie wird wie eine Belohnung erlebt.
Das hängt unter anderem mit unserem Dopaminsystem zusammen. Studien zeigen, dass Motivation bei ADHS stärker an unmittelbare, stimulierende Reize gekoppelt ist (z. B. Volkow et al., 2009).
Das erklärt, warum:
neue Projekte sich elektrisierend anfühlen
wir uns blitzschnell begeistern können
und warum genau dieses Gefühl irgendwann wieder verschwindet
Nicht, weil wir „undiszipliniert“ sind –sondern weil das Gehirn aufhört, dafür Dopamin auszuschütten.
Warum Routine sich nicht neutral anfühlt

Ein zweites Konzept: Boredom Proneness.
Menschen mit ADHS sind nicht einfach „schnell gelangweilt“. Sie erleben Langeweile oft als unangenehm bis fast körperlich aversiv (Malkovsky et al., 2012).
Monotone Aufgaben führen schneller zu Unterstimulation. Und Unterstimulation fühlt sich nicht wie Ruhe an – sondern wie ein inneres Ziehen.
Manche Forschende sprechen deshalb sogar von einer„Aversion to boredom“.
Jetzt oder… irgendwie nie
Und dann gibt es noch Delay Aversion.
Vielleicht kennt ihr das berühmte Marshmallow-Experiment:„Iss ihn jetzt – oder warte und bekomme später zwei.“
ADHS-Gehirne sind nicht schlecht im Warten, weil sie „willensschwach“ sind. Sondern weil sich „später“ oft erstaunlich abstrakt anfühlt.
Belohnung muss greifbar sein. Jetzt. Spürbar. Alles, was in der Zukunft liegt, hat weniger Gewicht. (Sonuga-Barke, 2002)
Und genau hier kommt der Urlaub ins Spiel
Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum mir Urlaub so wichtig ist.
Er ist kein „Luxus“. Er ist ein Reset. Neue Eindrücke. Neue Reize. Neue Perspektiven.
Wir waren im Guggenheim Museum in Bilbao – und zwei Installationen haben mich wirklich tief getroffen. Nicht so im Sinne von „schön“, sondern eher: etwas hat in mir angedockt.
Das wird nachwirken. Noch eine Weile.
Genauso wie die Gespräche hier. Meine teilweise sehr kreativen Versuche, mich auf Spanisch verständlich zu machen. (Überraschend erfolgreich übrigens.) Und ich musste dabei an Hans Georg Gadamer denken: „Wenn Menschen sich verstehen wollen, dann verstehen sie sich auch.“
Und dann ist da noch das Meer.
Dieses gleichmäßige Brechen der Wellen.Dieses Geräusch, das nichts von mir will.
Es ist, als würde mein Nervensystem einmal tief durchatmen.
Vielleicht ist es gar kein Widerspruch
Vielleicht geht es gar nicht darum, sich zu entscheiden:
Routine oder Freiheit. Stabilität oder Neues.
Vielleicht geht es darum, beides bewusst zu gestalten. Routinen, die tragen. Und Räume für Neues, die nähren. Nicht mehr alles einreißen, aber auch nicht alles festhalten. Sondern sich zwischendurch immer wieder erlauben, ein kleines Stück „Welt“ nach innen zu holen.
Die ADHS-Version der "Midlife-Crisis" ist übrigens kein einmaliges Event. Sie kommt in Wellen. Mal leise. Mal mit Ansage. Mal mit dem dringenden Bedürfnis, einfach alles einmal neu zu starten.
Die gute Nachricht: Du musst dafür nicht jedes Mal dein Leben auseinandernehmen.
Du kannst lernen, diese Energie zu nutzen,ohne dich selbst dabei zu verlieren.
Und genau dabei begleite ich Menschen im Coaching.
Wenn du also gerade zwischen„Ich buche spontan einen One-Way-Flug“und „Ich reiße mich jetzt einfach zusammen“ stehst…
…lass uns lieber gemeinsam schauen,
wie dein ganz eigener Weg dazwischen aussehen kann.




Kommentare