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ADHS und die Liebe

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
Warum sich Vertrautheit manchmal wie Stillstand anfühlt – und was du damit tun kannst


Eigentlich ist alles perfekt... wenn da nicht dieser Wunsche nach "mehr" wäre...
Eigentlich ist alles perfekt... wenn da nicht dieser Wunsche nach "mehr" wäre...

Es gibt da diesen Moment.

Alles ist gut. Vielleicht sogar richtig gut.

Du liebst deinen Partner. Du bist angekommen. Es ist ruhig geworden. Verlässlich. Warm.

Und dann ist da dieses Ziehen.

Leise.Hartnäckig.

Eine Sehnsucht nach mehr.Mehr Gefühl. Mehr Lebendigkeit. Mehr Weite.

Nichts Konkretes.Aber genug, um dich nicht loszulassen.

Nicht jeder Mensch mit ADHS erlebt das gleich –aber viele kennen genau dieses Gefühl.


Wenn diese Sehnsucht plötzlich auftaucht


Von außen ruhig - innerlicher Aufruhr... was stimmt denn bloß nicht?
Von außen ruhig - innerlicher Aufruhr... was stimmt denn bloß nicht?

Das ist der Punkt, an dem viele anfangen, an ihrer Beziehung zu zweifeln.

Ist das noch richtig? Fehlt da etwas? Habe ich mich falsch entschieden?

Und was es zusätzlich schwierig macht:

Dein Gehirn ist in diesem Moment nicht neutral.

Es fängt an, richtig gute Argumente zu finden,warum diese Beziehung vielleicht doch nicht passt.

Kleine Dinge werden größer. Unterschiede wirken plötzlich grundsätzlicher. Gedanken werden klarer, schärfer, überzeugender.

Und das fühlt sich nicht wie „Zweifel“ an –sondern wie Erkenntnis.


Dabei passiert im Hintergrund etwas ganz anderes.

Dein Gehirn hat nicht die Aufgabe, dich glücklich zu machen. Sondern dich am Laufen zu halten. Und ein Mangel an Stimulation – an „Input“, an Aktivierung –fühlt sich für ein ADHS-Gehirn schnell unangenehm an.


Fast körperlich.


Was dein System dann sucht, ist Intensität.

Und Intensität kann vieles sein:

Neugier. Verliebtheit. Aber auch Zweifel. Oder Konflikt.

Starke Gedanken erzeugen starke Gefühle. Und starke Gefühle bringen wieder Bewegung ins System.


Das erklärt auch, warum solche Gedanken so schwer zu ignorieren sind. Sie erfüllen eine Funktion.

Und manchmal zeigt sich das auch ganz konkret im Alltag:


Zum Beispiel abends.

Der Tag war lang. Die Energie ist aufgebraucht. Es ist wenig Reiz da.

Und plötzlich entsteht Unruhe.


Ein Gespräch kippt schneller. Kleine Themen werden größer. Die Stimmung wird intensiver.

Und so paradox es klingt:

Ein Streit kann in diesem Moment sogar entlastend wirken.

Nicht, weil Streit „gut“ ist – sondern weil er Intensität bringt.


Weil er das System wieder aktiviert. Und diese innere Unruhe für einen Moment reguliert.

Wenn man das nicht einordnen kann, fühlt es sich schnell an wie:

„Wir haben ein Problem.“

Dabei ist es oft eher:

„Mein System braucht gerade etwas.“


Und genau aus solchen Momenten herausentstehen dann Entscheidungen.

Vielleicht passt es doch nicht. Vielleicht fehlt mir etwas. Vielleicht sollte ich gehen.

Nicht, weil die Beziehung grundsätzlich nicht trägt.

Sondern weil sich der Zustand gerade nicht gut anfühlt.

Und wenn man diesen Unterschied nicht erkennt, verwechselt man sehr leicht:

Ein vorübergehendes inneres Bedürfnis mit einer grundsätzlichen Wahrheit über die Beziehung.


Was dann oft passiert

Viele kennen diesen Kreislauf:

Man zweifelt.Man zieht sich innerlich zurück.Man beginnt, nach Erklärungen zu suchen.

Und manchmal auch nach Alternativen.

Genau hier lohnt sich ein Schritt zurück.

Nicht nach vorne.


Und dann bleibt jemand hängen

Dieses Gefühl mit allen Sinnen wahrgenommen zu und akzeptiert zu werden, wie man ist - das kann fast schon süchtig machen. Vor allem in einer Gesellschaft, in der wirklich Kontakt selten geworden ist.
Dieses Gefühl mit allen Sinnen wahrgenommen zu und akzeptiert zu werden, wie man ist - das kann fast schon süchtig machen. Vor allem in einer Gesellschaft, in der wirklich Kontakt selten geworden ist.

Beziehungen beginnen selten mit dieser Ruhe.

Sie beginnen oft ganz anders.

Da ist jemand, den findest du interessant.

Und dann passiert etwas, das für viele Menschen mit ADHS typisch ist – aber längst nicht für alle:


Der Fokus springt an.

Nicht jeder richtet diesen Hyperfokus auf Menschen. Bei manchen sind es Projekte, Themen, Ideen.


Aber wenn er auf einen Menschen trifft, hat er eine besondere Qualität.

Der andere Mensch steht plötzlich im Scheinwerferlicht.

Du bist präsent. Aufmerksam. Zugewandt.

Du siehst ihn wirklich.


Und das ist etwas, das viele Menschen so kaum erleben.


Dieses Gefühl, wahrgenommen zu werden. Gesehen zu werden. Ein Gefühl, nach dem man süchtig werden kann.

Dieses Gefühl löst beim Gegenüber etwas aus.

Er verliebt sich in dieses Gefühl – und projiziert es auf dich.

Und dann passiert der nächste Schritt:

Du nimmst das wahr. Diese Intensität. Diese Rückmeldung.

Und reagierst darauf. Du spiegelst dieses Gefühl.

Nicht bewusst. Sondern weil das, was dir entgegenkommt, in dir etwas zum Klingen bringt.

Was sich anfühlt wie:

Das ist es.

Wenn man genauer hinschaut, ist es oft eher:

Das fühlt sich nach Verliebtsein an – also bin ich es.

Die Gefühle sind real.

Aber sie entstehen nicht immer aus Substanz. Sondern aus Dynamik.


Ein Kreislauf, den viele kennen

Und damit schließt sich der Kreis.

Schneller Einstieg. Hohe Intensität. Starke Gefühle.

Und später:

Ein Abflachen. Ein Unruhegefühl. Ein „Da fehlt doch was“.

Nicht, weil die Beziehung falsch war.

Sondern weil sie aus einer Dynamik entstanden ist,die sich so nicht dauerhaft halten lässt.

Und vielleicht kennst du dieses Gefühl:

Ich lief in der Arena der Leidenschaft mit den Liebenden um die Wette,ich wurde Siegerin und kehrte langsam zurück. Die Kleider, die die Liebenden an- oder auszogen,waren solche, die ich schon getragen hatte. Und das, was sie an Bitterem und Süßem aus dem Kelch der Liebe tranken, war nur der Bodensatz von dem, was ich getrunken. — Ashraya Al-Muharibiya

Es ist nicht die Liebe, die sich wiederholt.

Es ist das Muster.


Und dann ist da noch eine zweite Dynamik

Nicht alles lässt sich über das Bedürfnis nach Lebendigkeit erklären.

Manchmal geht es um etwas anderes:

Angst.


Viele mit ADHS kennen das sehr gut:

Rejection Sensitive Dysphoria


Die Angst, abgelehnt zu werden. Verlassen zu werden. Nicht zu genügen.

Und diese Angst kann so stark sein,dass man einen Schritt vorher geht.

Man distanziert sich. Man beendet Beziehungen. Man zieht sich zurück.

Nicht, weil man nicht will.

Sondern weil es sich sicherer anfühlt, selbst zu gehen,als verlassen zu werden.



Eine gute Kommunikation ist wahrscheinlich die wichtigste Grundlage einer stabilen Beziehung.
Eine gute Kommunikation ist wahrscheinlich die wichtigste Grundlage einer stabilen Beziehung.

Was hilft

  1. Nicht jedes Gefühl braucht eine Handlung. Aber jedes Gefühl braucht Einordnung. Die entscheidenden Fragen sind oft:

    1. Was fühle ich gerade wirklich?

    2. Woher kommt dieses Gefühl?

    3. Und gehört es zur Beziehung – oder zu mir?

  2. Sprich darüber

    1. Binde deinen Partner in deine Gedanken ein.

    2. Beschreibe, was in deinem Inneren los ist. Erkläre, warum du manchmal „so“ bist.

    3. Und auch, dass dir bewusst ist: Die Beziehung ist nicht das Problem.

    4. Oft entsteht genau daraus etwas Neues. Ein gemeinsames Verständnis. Und vielleicht auch Ideen,wie ihr wieder mehr Lebendigkeit in die Beziehung bringen könnt.

  3. Hol dir Lebendigkeit an anderen Stellen

    1. Nicht alles muss die Beziehung leisten.

      Frag dich:

      Was hast du lange nicht mehr gemacht?

    2. Was würde dir gerade dieses Gefühl von Lebendigkeit geben?

Das kann vieles sein.

Ein neues Hobby.Ein Projekt.Ein Verein.

Melde dich bei einem Brettspielclub an.Engagiere dich irgendwo.

Oder auch:

Flirte.

Wenn das für dich und deinen Partner stimmig ist. Nicht als Ersatz.Sondern als Ventil.

Fazit

ADHS macht Beziehungen nicht unmöglich. Aber komplexer. Und gleichzeitig intensiver.

Wenn du lernst, deine Gefühle einzuordnen,statt sofort nach ihnen zu handeln,

entsteht etwas sehr Kraftvolles:


Du triffst bewusstere Entscheidungen.

Und schaffst die Chance auf eine Beziehung,die nicht nur stabil ist –sondern sich auch stimmig anfühlt.


Dabei kann Unterstützung helfen. Wenn du merkst, dass du dich in diesen Mustern wiederfindest und dir unsicher bist, wie du damit umgehen sollst:

Ich kann dich dabei begleiten. Dabei, deine Muster zu verstehen. Deine Gefühle besser einzuordnen. Und Wege zu finden, die wirklich zu dir und deinem Alltag passen.


 
 
 

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