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Identität. Wer bin ich – und was davon ist meine ADHS?

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 3 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit


Du bist nicht Perfekt - niemand ist es und das ist auch gut so.
Du bist nicht Perfekt - niemand ist es und das ist auch gut so.

Wer bin ich, wenn ich nicht meine ADHS bin?


Und die ehrliche Antwort ist: Das ist nicht wirklich immer voneinander zu trennen.

Weil Identität nichts Festes ist. Nichts, was in Stein gemeißelt irgendwo auf einem Berggipfel liegt und darauf wartet, dass wir es finden. Identität entwickelt sich. Sie bewegt sich. Sie passt sich an. Sie wächst. Sie bricht manchmal auseinander und setzt sich neu zusammen.


Identität ist Formbar

Ein Beispiel.

Mein Mann hat sich immer als einen Menschen gesehen, der viele Bücher hat. Das war Teil seines Selbstbildes. Bücherregale als Identitätsarchitektur.

Und als ich dann irgendwann sagte: Hey, wir haben einfach zu viel Zeug. Lass uns mal ausmisten. Da hat er zwar zugestimmt. Und als ich anfing auszumisten, fing er an, die Sachen wieder einzusortieren.

Man könnte sagen: klassischer Beziehungskonflikt. War es auch ein bisschen.

Aber eigentlich ging es um etwas anderes. Um Identität.

Wir haben uns nochmal hingesetzt und ich habe ihm erklärt, was mein Bedürfnis dahinter ist: weniger Zeug, mehr Luft, mehr Klarheit. Und er war in der Lage, dieses Selbstbild infrage zu stellen. Zu sagen: Stimmt. Vielleicht bin ich nicht der Mann, der viele Bücher hat. Vielleicht bin ich der Mann, der die Bücher hat, die ihm Freude bereiten, wenn er sie anschaut. Das ist ein Unterschied.


Genauso mit seinem Job. Er wollte immer der Beste sein. Und ja, ich bin vielleicht minimal voreingenommen, aber er war es auch. Nur: Mit zunehmendem Alter hat er gemerkt, dass er nicht mehr die Energie hat, immer on top zu bleiben. Also haben wir gemeinsam geschaut: Was heißt das für deine Identität? Und die Antwort war nicht: Ich bin nicht mehr gut genug. Sondern: Ich kann der beste Lehrer sein.

Und es ist wunderschön zu sehen, wie sehr ihn das erfüllt. Wie er sich freut, wenn die jungen Mitarbeitenden wachsen und richtig gut werden.


Identität ist Formbar. Und das ist eine gute Nachricht.

Das ist kein esoterisches Gerede – das ist Neurobiologie


Alles was Du erlebst, denkst und fühlst formt Deine Identität. Aber sie passiert Dir nicht nur - das kannst darauf Einfluss nehmen.
Alles was Du erlebst, denkst und fühlst formt Deine Identität. Aber sie passiert Dir nicht nur - das kannst darauf Einfluss nehmen.

Das Thema Identität ist so alt wie die Menschheit. In der Nikomachischen Ethik von Aristoteles steht sinngemäß: Was du denkst, was du sagst und wie du handelst – das formt dich. Neurologisch gesprochen: Das, was wir immer wieder tun, verfestigt sich im Gehirn. Es entstehen neue Verbindungen. Und das Gehirn hört nie auf damit. Dieses alte Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist schlicht falsch.


Unser Gehirn ist bis ins hohe Alter lernfähig. Menschen mit Schlaganfällen lernen wieder zu sprechen, zu laufen, zu essen. Menschen mit Hirnverletzungen finden zurück ins Leben. Neuroplastizität ist kein Instagram-Buzzword, sondern Realität.

Wir sind in der Lage, uns zu verändern. Nicht im Sinne von: Wir müssen uns ständig anpassen. Sondern im Sinne von: Wir dürfen uns entwickeln.


Meine Identität vor der Diagnose

Ich bin spät diagnostiziert worden. Sehr spät.

Und wenn ich auf mein Leben zurückblicke, habe ich mich lange als jemanden wahrgenommen:

– ohne Drive, ohne Ehrgeiz, 80-20 passt schon, chaotisch.. jemand, der nichts zu Ende bringt, der Außenseiter, der Beobachter. Ich habe mich immer wohlgefühlt in der Rolle derjenigen, die den Raum liest. Aber nicht in der Rolle der Gestalterin.


Nach meiner Diagnose konnte ich zurückschauen. Und ich habe mir eine Zeitlinie gemalt. Wirklich ganz konkret. Erster Job. Was habe ich gemacht? Worin war ich gut? Warum ist es gescheitert?

Und fast immer war die Antwort: Ich hatte nicht die Tools, um mich selbst zu managen.

Nicht: Ich war zu blöd. Nicht: Ich war unfähig.

Ich hatte nicht die richtigen Strategien. Und ich hatte zu der Zeit noch mit Trauma zu kämpfen. Da war schlicht keine Kapazität.


Viele Jobs waren mir nach kurzer Zeit zu langweilig. Nicht, weil ich arrogant bin. Sondern weil ich eine schnelle Auffassungsgabe habe. Admin-Jobs mit festen Routinen, ohne Gestaltungsspielraum – das hält mein Gehirn auf Dauer nicht aus.


Diese Mischung aus: Wir brauchen Struktur. Und wir brauchen Neues. Das ist ADHS.

Und als ich dann in der Personalentwicklung gelandet bin, sagten plötzlich alle, wie organisiert ich sei. Was ich völlig befremdlich fand. Aber ich hatte gelernt, mit Kalendern, Erinnerungen, Systemen zu arbeiten. Ich hatte Tools. Und plötzlich war ich nicht mehr „chaotisch“. Ich war strukturiert. Was hatte sich geändert? Meine Identität? Oder mein Werkzeugkasten?


ADHS und Identität lassen sich nicht sauber trennen

Wenn ich heute sage, ADHS und Identität lassen sich nicht immer klar trennen, dann meine ich das in beide Richtungen. Ja, ADHS hat meine Herausforderungen geprägt. Aber auch meine Stärken. Meine Kreativität. Meine Fähigkeit, Gruppen zu lesen. Mein Einfühlungsvermögen. Meine schnelle Auffassungsgabe.


Durch die fehlenden Filter kommen bei mir mehr Eindrücke an. Das ist anstrengend. Aber es ist auch eine Ressource. Ich kann einen Raum schneller lesen als viele andere.

Und wenn ich heute nicht vom Sofa hochkomme, kann ich sagen: Das ist meine ADHS. Mir fehlt gerade die Energie. Ich bin nicht faul.


Wenn mich heute jemand fragen würde:„Meike, wenn ich mit dem Finger schnippe und du hättest nie ADHS gehabt – würdest du das wollen?“ Dann würde ich sagen: Danke, aber nein danke.


Ich mag mein Leben. Mit allen Umwegen. Mit allen chaotischen Seitenwegen. Alles hat mich geprägt. Aber ich verstehe auch den Struggle nach der Diagnose. Diese Mischung aus Erleichterung und Wut. Aus: Endlich weiß ich es. Und: Warum hat mir das niemand früher gesagt? Und: Who the f*** bin ich eigentlich zwischen all den Masken die ich trage?


Ich habe lange gedacht, ich könne kein ADHS haben, weil ich keinen Hyperfokus kenne.

Bis ich gemerkt habe: Mein Hyperfokus hat mit Menschen zu tun. Wenn ich mit Gruppen arbeite, vergesse ich die Zeit. Komplett. Was für meine Klienten wunderbar ist. Für meine Abrechnung eher nicht.


Wir können beeinflussen, wer wir werden


Descates hatte das auch schon formuliert - Du bist, was Du denkst. Wir können bei den Philosophen viel für unseren Alltag entdecken.
Descates hatte das auch schon formuliert - Du bist, was Du denkst. Wir können bei den Philosophen viel für unseren Alltag entdecken.

Wenn wir unsere Gedanken beobachten. Unsere Sprache. Unser Handeln.

Dann beeinflussen wir unsere Identität.

Deshalb ist z.B. Sprache so mächtig. Deshalb wird gegendert. Persönlich finde ich das optisch schwierig. Aber ich verstehe den Gedanken dahinter. Sprache verändert Wahrnehmung. Wahrnehmung verändert Identität. Auch gesellschaftlich.

Und zurück zu uns:

Identität muss nicht am Beruf hängen. Gerade in Deutschland ist das stark verknüpft. Wer bist du? Was machst du?

Ich habe durch meinen chaotischen Lebenslauf zum Glück nie gelernt, mich komplett über meinen Job zu definieren. Nach meiner Diagnose habe ich lange gehadert: Was will ich jetzt eigentlich machen? Bis ich gemerkt habe: Ich möchte der Mensch sein, den ich gerne in meinem Leben hätte.

Jemand, der ermutigt. Der Wissen teilt. Der ehrlich ist. Der sagt: Du bist verantwortlich für dein Leben. Und ich begleite dich dabei. Deshalb bin ich Coach. Deshalb bin ich Cheerleader. Deshalb bin ich Lehrerin und manchmal auch Mentorin. Ja, ich bin ADHS-Coach. Aber ich bin noch so viel mehr.


Und das ist das Schöne an Identität. Sie ist nicht statisch. Sie ist nicht abgeschlossen. Sie endet nicht mit einer Diagnose. Sie entwickelt sich. Bis ins hohe Alter. Bis wir sterben.

Wir werden nie wieder exakt die Person sein, die wir letztes Jahr waren. Und ganz ehrlich?Ich finde, das sind ziemlich gute Nachrichten.

Ja. Und ich glaube, genau hier braucht es die Brücke zum letzten Blog. Zum Masking:


Je klarer mein eigenes Identitätsbild wird, desto weniger brauche ich diese Maske.

Wenn ich weiß: Das bin ich. Das kann ich. Das brauche ich. Das kann ich nicht. Das kostet mich Energie.

Dann kann ich anfangen, Grenzen zu setzen. Nicht aggressiv. Nicht trotzig. Sondern klar.

Ich kann sagen: Ich brauche Struktur. Ich brauche Pausen.Ich brauche Abwechslung.Ich brauche klare Absprachen.Ich brauche Zeit, um Dinge zu verarbeiten.

Und ich muss das nicht mehr entschuldigen.


Ein stabiles Identitätsgefühl bedeutet nicht, dass ich starr bin. Im Gegenteil. Es bedeutet, dass ich beweglich bin, ohne mich zu verlieren. Masking ist oft der Versuch, Sicherheit über Anpassung zu bekommen. Ein klares Identitätsbild gibt mir Sicherheit von innen.

Und das macht es leichter, Bedürfnisse zu kommunizieren. Es macht es leichter, Nein zu sagen. Es macht es leichter, nicht jede Rolle zu übernehmen, die gerade frei ist.

Und vielleicht ist genau das der Punkt:

Wenn ich weiß, wer ich bin, muss ich nicht mehr ständig so tun, als wäre ich jemand anderes.

Wenn du gerade merkst, dass dein Selbstbild ins Wanken geraten ist.Wenn du weniger maskieren und mehr du selbst sein willst.Wenn du dich fragst: Wer bin ich eigentlich – und wer will ich sein?

Dann musst du das nicht allein sortieren.

Coaching kann dir helfen, deine Biografie neu zu verstehen, deine Stärken klarer zu sehen und eine Identität zu entwickeln, die sich wirklich nach dir anfühlt.

Wenn du magst, buch dir ein unverbindliches Erstgespräch.Lass uns gemeinsam schauen, wo du stehst – und wie du dich weiterentwickeln willst.



 
 
 
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