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Ein halbes Jahrhundert... ist nicht mehr jung

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit


Ein Lebensgefühl, das jünger ist als die Zahl


Auch wenn ich immer sage: "Das beste Alter für mich, ist immer das, was ich gerade habe", diese 50 macht mir echt zu schaffen.
Auch wenn ich immer sage: "Das beste Alter für mich, ist immer das, was ich gerade habe", diese 50 macht mir echt zu schaffen.

Kennt ihr dieses Gefühl, sich jünger zu fühlen, als man ist?Als würde das eigene Alter nicht so recht zum Lebensgefühl passen. Als wäre da innerlich noch die gleiche Neugier auf Menschen, Gespräche und das Leben wie mit zwanzig – nur in einem Körper, der inzwischen andere Zahlen trägt.


Ich werde in dieser Woche fünfzig. Und mein inneres Ich fühlt sich oft noch genauso offen, interessiert und wach an wie früher. Vielleicht weniger rastlos. Vielleicht mit mehr Erfahrung. Aber nicht weniger neugierig. Wenn ich allerdings zurückschaue auf das, was ich alles erlebt habe, was ich gelernt habe, was sich eingeprägt und verschoben hat, dann wird mir klar: Doch. Das passt schon.


Von Kassetten, Kanälen und einer Welt im Wandel

Ich bin ein Kind einer anderen Welt. Ich war draußen. Viel. Im Wald, auf den Feldern, irgendwo zwischen Freiheit und Dreck unter den Fingernägeln. Mein erstes Handy hatte ich mit Mitte zwanzig. Mein erstes Mal im Internet hätte mich beinahe ein Arm und ein Bein gekostet, gemessen an Telefonrechnungen und Modemzeiten.


Drei Kanäle... und Sonntags: Tatort
Drei Kanäle... und Sonntags: Tatort

Vieles von dem, was heute selbstverständlich ist, gab es einfach nicht.Ich gehöre zu der Generation, die aufstehen musste, um den Fernsehkanal zu wechseln. Lange gab es nicht mehr als drei Programme: ARD, ZDF und NDR. Private Sender kamen spät und fühlten sich an wie ein Fenster in eine andere Welt.

Ich saß samstags vor dem Radio und habe meine Lieblingslieder aus der Hitparade aufgenommen. Mit dem Finger auf der Aufnahmetaste. Und war maßlos genervt, wenn die Moderator:innen ins Lied hineinredeten. Es gibt mehr als eine Kassette, bei der ich erst ganz am Ende gemerkt habe, dass ich nicht nur ein Lied, sondern komplette Sendungen aufgenommen hatte. Gespräche, Jingles, alles. Ein akustisches Zeitdokument, das ich so nie geplant hatte.

Ich habe den technischen Umbruch nicht nur miterlebt, ich bin mit ihm mitgewachsen. Von analog zu digital. Von Warten zu Sofort. Von Begrenzung zu Überfluss. Und manchmal staune ich selbst darüber, wie selbstverständlich mir Dinge heute erscheinen, die früher schlicht nicht existierten.


Gleichzeitig habe ich eine Gesellschaft erlebt, die sich ebenfalls verändert hat. Und an manchen Stellen erschreckend wenig. Ich habe noch erlebt, dass Tagesschau-Sprecherinnen gekündigt wurden, weil sie zu alt geworden sind. Zu alt für die Kamera. Zu alt für das Bild, das man zeigen wollte. Männer dagegen durften älter werden. Reifer. Interessanter. Ihre Falten galten als Zeichen von Erfahrung. Die der Frauen als Makel.


Diese Ungleichheit ist nicht neu. Aber sie trifft anders, wenn man selbst in dieses Alter hineinwächst. Wenn man merkt, dass fünfzig gesellschaftlich keine neutrale Zahl ist. Für Männer oft ein Status. Für Frauen wird ein leiser Rückzug erwartet.



50 ist nicht alt - aber eben auch nicht mehr jung.
50 ist nicht alt - aber eben auch nicht mehr jung.

Und all das trägt zu diesem inneren Ringen bei. Zu diesem Struggel mit dem Älterwerden. Nicht, weil fünfzig alt wäre. Das ist es nicht. Aber es ist eben auch nicht mehr jung. Es ist dieses Dazwischen, für das es erstaunlich wenige ehrliche Bilder gibt.


Ich war in der Schule, als die Mauer fiel. Ich habe die Nachrichten gesehen, die Bilder der Menschen in der Prager Botschaft, dieses Warten, diese Spannung, diesen Moment, in dem klar wurde: Sie dürfen ausreisen. Mir war damals schon bewusst, dass das kein kleines Ereignis war, sondern ein dramatischer Umbruch für ein ganzes Land.


Ich habe erlebt, wie sich die Welt immer wieder neu sortiert hat. Öffnungen, Rückschläge, Hoffnungen. Ich habe gesehen, wie mit Barack Obama plötzlich etwas möglich schien, das vorher undenkbar war – und wie komplex Realität trotzdem bleibt.


Und dann kam Corona. Kein einzelnes Ereignis, sondern ein Zustand. Stillstand, Isolation, Unsicherheit. Eine Zeit, die gesellschaftlich noch lange nachwirken wird, vor allem für die Generation, die damals in der Schule war. Ich glaube, wir haben erst begonnen zu verstehen, was diese Jahre mit ihnen gemacht haben.


Während all dessen lief mein eigenes Leben weiter. Ich habe den Mann kennengelernt, den ich geheiratet habe. Etwas von dem viele nie gedacht hätten, dass das je passieren würde. Ich bin mittlerweile seit fast zehn Jahren verheiratet. Noch immer ein Satz, der sich manchmal kurz fremd und gleichzeitig sehr richtig anfühlt.


Mitten im Leben kam meine ADHS-Diagnose. Ein Einschnitt, der vieles rückwärts neu sortiert hat. Kein einfacher Moment. Aber ein klärender. Einer, der mir erlaubt hat, meine eigene Geschichte mit mehr Verständnis zu betrachten.


Fünfzig. Nicht jung. Noch lange nicht alt.

Und jetzt also fünfzig. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass mich diese Zahl so beschäftigt. Aber sie tut es. Nicht dramatisch. Nicht panisch. Sondern nachdenklich. Älter werden ist nichts, was man einfach abhakt. Schon gar nicht als Frau. Es ist etwas, mit dem man sich erst einmal arrangieren muss. Mit Bildern, Erwartungen, inneren Stimmen. Mit dem, was war. Und mit dem, was vielleicht nicht mehr kommt.


Ich merke: Das ist etwas, das Zeit brauchen darf. Etwas, das ich für mich glattziehen muss. Ohne Eile. Ohne den Anspruch, es sofort gut zu finden.



Unglaublich, was ich alles erlebt habe und wie sehr sich die Welt in den letzten 50 Jahren verändert hat. Aber eines bleibt: meine Liebe für den ersten Kaffee am Morgen.
Unglaublich, was ich alles erlebt habe und wie sehr sich die Welt in den letzten 50 Jahren verändert hat. Aber eines bleibt: meine Liebe für den ersten Kaffee am Morgen.

Wenn ich auf diese fünfzig Jahre schaue, sehe ich viel. Wandel. Brüche. Lernen. Nähe. Klarheit. Ich habe Geschichte nicht nur gelesen, ich habe sie erlebt. Und mein eigenes Leben ist darin mitgelaufen, mit all seinen Umwegen und Überraschungen.


Und so sehr sich mein inneres Ich manchmal jünger anfühlt – ich würde trotzdem keine zwanzig mehr sein wollen. Fünfzig ist kein Ziel. Es ist ein Innehalten. Und auch wenn sich das noch ungewohnt anfühlt: Es passt.

 
 
 

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