Warum müssen wir Menschen uns den Prozessen anpassen?
- Meike Parker
- vor 9 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Ich möchte den Gedanken aus meinem letzten Blog noch ein kleines Stück weiterdenken.
Letzte Woche ging es um Barrierefreiheit. Um die Frage, ob Barrieren wirklich erst dort beginnen, wo eine Treppe den Weg versperrt oder ob sie nicht viel häufiger dort entstehen, wo unsere Umwelt für manche Menschen unnötig anstrengend wird. Und genau diesen Gedanken möchte ich heute noch ein bisschen weiterdrehen.
Inzwischen geht es für mich gar nicht mehr nur um Barrierefreiheit. Eigentlich geht es um Benutzerfreundlichkeit.
Was ist Benutzerfreundlichkeit eigentlich?
Für mich ist etwas benutzerfreundlich, wenn ich möglichst wenig zusätzliche Energie investieren muss, um meine eigentliche Aufgabe zu erledigen. Im letzten Blog war das mein Fitnessstudio. Eigentlich sollte ich dort Energie tanken. Im Moment kostet mich die Umgebung allerdings mehr Energie, als das Training mir zurückgibt.
Heute möchte ich den Blick auf unsere Arbeitswelt richten. Fangen wir mit dem Großraumbüro an. Persönlich bin ich nämlich der Überzeugung, dass sich niemand wirklich in einem Großraumbüro wohlfühlt.
Ja, Großraumbüros haben Vorteile. Man kommt schneller miteinander ins Gespräch. Man muss nicht ständig zwischen Büros hin und her laufen. Sie sind günstiger. Aber sollte es tatsächlich jemanden geben, der morgens aufsteht und denkt: „Juhu, heute wieder Großraumbüro!“, dann meldet euch bitte. Ehrlich. Ich würde wirklich gerne verstehen, was ihr daran mögt.
Warum bin ich davon so überzeugt? Stellt euch vor, ihr sitzt an eurem Schreibtisch.
Jemand steht auf und holt sich einen Kaffee. Jemand anderes geht zur Toilette.
Zwei Kollegen unterhalten sich.
Irgendwo klingelt ein Telefon.
Einer kommt zurück und sucht seinen Platz.
Jemand stellt eine kurze Frage.
Das ist kein Ausnahmezustand. Das ist ein ganz normaler Vormittag in einem Großraumbüro. Und ich rede noch gar nicht von der Kollegin oder dem Kollegen, der einmal quer durchs Büro läuft und mit jedem kurz plaudert. Nimmst du das alles wahr? Ich glaube schon. Die spannendere Frage ist für mich eine andere:
Wie viel Energie kostet es dich, das alles auszublenden?
Für mich mit ADHS bedeutet jede dieser kleinen Bewegungen, dass mein Gehirn kurz hinschaut. Gerade wenn ich an einer Aufgabe arbeite, die ohnehin Überwindung kostet, bin ich jedes Mal wieder raus. Mein Mann kann das übrigens völlig anders. Wenn er sich konzentriert, blendet er alles aus. Unsere Katze kann neben ihm sitzen und in einer Lautstärke miauen, bei der das ganze Haus zusammenzuckt. Er hört sie natürlich. Aber sein Fokus bleibt dort, wo er gerade ist. Ich kann das nicht. Und genau deshalb liebe ich mein kleines Büro.
Aber warum akzeptieren wir eigentlich so selbstverständlich, dass konzentriertes Arbeiten Kraft kosten muss?
In einer meiner letzten Firmen gab es regelmäßig Mitarbeiterbefragungen. Ich habe mir die Ergebnisse immer angeschaut. Niemand schrieb: „Ich liebe Großraumbüros.“ Trotzdem lagen die Werte insgesamt im grünen Bereich.
Vielleicht kostet es uns allen Kraft. Manche merken es nur früher.
Je länger ich darüber nachdenke, desto häufiger begegnet mir dieses Muster.
Nehmen wir Meetings. Das Ziel ist nicht ganz klar. Es wird diskutiert. Ideen fliegen durch den Raum. Irgendwann dreht sich alles im Kreis. Hinterher gehen alle raus. Viele rollen mit den Augen. Irgendjemand schreibt einem Kollegen: „Das hätte auch eine E-Mail sein können.“ Auch hier denke ich wieder:
Das kostet uns allen Kraft. Manche merken es nur früher.
Oder Software. Ich habe viele Jahre mit SAP und SuccessFactors gearbeitet. Das sind unglaublich durchdachte Systeme. Irgendwann versteht man sie. Bis dahin kosten sie allerdings erstaunlich viel Denkarbeit. Und genau da fiel mir etwas auf. Bei Software sprechen wir ständig über Benutzerfreundlichkeit. Wir beobachten Nutzer. Wir testen Oberflächen. Wir vereinfachen Prozesse. Wir fragen ständig: „Ist das intuitiv?“
Warum stellen wir dieselbe Frage so selten bei Arbeitsprozessen? Warum müssen wir Menschen uns den Prozessen anpassen?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir Arbeitswelten häufig aus Sicht der Organisation gestalten. Selten aus Sicht der Menschen, die jeden Tag darin arbeiten. Während ich über all diese Beispiele nachgedacht habe, musste ich an die Singvögel denken, die Bergleute früher mit in die Grube nahmen. Sie waren ein Frühwarnsystem.
Vielleicht sind neurodivergente Menschen das Frühwarnsystem unserer Arbeitswelt.
Vielleicht zeigen wir einfach früher, wo Arbeitsbedingungen unnötig Energie kosten.
Nicht nur für Neurodivergente. Vielleicht für uns alle.
Wenn wir Arbeitswelten so gestalten, dass sie für neurodivergente Menschen funktionieren, profitieren wahrscheinlich viel mehr Menschen davon, als wir heute denken.
Klare Meetings.
Weniger Unterbrechungen.
Benutzerfreundliche Prozesse.
Rückzugsmöglichkeiten.
Mehr Flexibilität.
All das hilft nicht nur Menschen mit ADHS oder Autismus. Es macht Arbeit insgesamt ein Stück benutzerfreundlicher.

Vielleicht sollten wir aufhören, Rückmeldungen neurodivergenter Menschen als Nörgelei
oder den Wunsch nach einer Extrawurst abzutun.
Vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuhören.
Denn vielleicht beschreiben sie keine persönlichen Befindlichkeiten.
Vielleicht zeigen sie uns Stellen, an denen unsere Arbeitswelt unnötig Energie kostet.




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