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ADHS, neue Supermärkte und warum mich mein Fitnessstudio in den Wahnsinn treibt

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Wenn ADHS doch angeblich Neues liebt ...



Veränderungen kosten Energie, vor allem bei ADHS.
Der Supermarkt hat umgeräumt... und ich habe nicht die Energie mich neu zu orientieren

Dieser Blog ist nur für Menschen, die folgende Situation nachvollziehen können:

Du hast deinen Stammsupermarkt.

Du weißt, wo alles steht. Du schreibst deinen Einkaufszettel in der Reihenfolge, in der du durch den Laden läufst. Du kennst die Abkürzungen, die Stoßzeiten und wahrscheinlich auch die Kassiererin, die immer besonders schnell arbeitet.


Und dann räumt der Supermarkt um.

Ganz ehrlich?

Ich suche mir dann lieber einen neuen Supermarkt.

Was völlig absurd ist.


Denn wenn ich im Urlaub bin, liebe ich neue Supermärkte. Ich kann mich stundenlang darin verlieren. Ich schaue mir an, welche Produkte es dort gibt, was anders ist als bei uns und welche völlig verrückten Dinge Menschen offenbar freiwillig essen.


Neuer Supermarkt in England?

Spannend.


Mein Stammsupermarkt nach einem Umbau?

Persönlicher Affront.


Und genau deshalb beschäftigt mich eine Frage schon seit einiger Zeit:

Menschen mit ADHS wird ständig nachgesagt, dass sie Neues lieben.

Warum macht mich Veränderung dann manchmal so fertig?


Mein Fitnessstudio hat beschlossen, alles zu verschlimmbessern

Trainieren mit dem Rücken zum Gang... ein sensorischer Alptraum
Ganz ehrlich - wer kann so trainieren????

Eigentlich müsste ich mich freuen.


Mein Fitnessstudio baut um. Neue Geräte. Neue Technik. Bessere Möglichkeiten, Trainingsfortschritte zu verfolgen. Alles Dinge, die ich grundsätzlich gut finde.


Nach mehreren Wochen Pause hatte ich mich sogar richtig darauf gefreut, wieder anzufangen. Erst hatte die Schulter Probleme gemacht, dann die Knie und anschließend dieser Husten, der einfach nicht verschwinden wollte.

Endlich wieder trainieren.

Endlich wieder etwas tun, von dem ich weiß, dass es mir guttut.


Und dann komme ich ins Studio und alles ist anders.

Nicht komplett anders. Aber anders genug.

Die E-Gym-Geräte, die ich bisher genutzt habe, stehen jetzt anders herum. Früher konnte ich beim Training aus dem Fenster schauen. Heute schaue ich auf den Eingangsbereich.

Das klingt vermutlich nach einer Kleinigkeit.


Für mich macht es einen erstaunlich großen Unterschied.

Mir fällt es ohnehin schwer, äußere Reize auszublenden. Genau deshalb trainiere ich ja an diesen Geräten. Ich muss nicht mitzählen, keine Gewichte einstellen und nicht ständig überlegen, was als Nächstes kommt. Das Gerät übernimmt einen Teil der Denkarbeit und ich kann meine Aufmerksamkeit auf das Training richten.


Zumindest normalerweise.


Wenn aber ständig Menschen in meinem Sichtfeld auftauchen, zieht jede Bewegung meine Aufmerksamkeit auf sich. Nicht weil ich neugierig bin, sondern weil mein Gehirn Bewegungen automatisch registriert.

Was für andere Hintergrundrauschen ist, landet bei mir regelmäßig im Vordergrund.

Und dann sind da die neuen Cardiogeräte.

Wer auch immer entschieden hat, die mit dem Rücken zum Laufweg aufzustellen, möchte vermutlich nie selbst darauf trainieren.


Jedes Mal, wenn jemand hinter mir vorbeigeht, würde ich aus meinem Tunnel gerissen. Aus diesem Zustand, in dem ich irgendwann nicht mehr darüber nachdenke, wie anstrengend das Training gerade ist.

Stattdessen wäre ich plötzlich wieder voll da.

Da läuft jemand vorbei.

Da bewegt sich etwas.

Da ist ein Geräusch.

Da ist wieder jemand.

Und zack, bin ich raus.


Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich mag grundsätzlich keine Menschen in meinem Rücken. Im Restaurant sitze ich am liebsten so, dass ich den Raum überblicken kann. Offenbar gilt das auch für Fitnessstudios.


Das Problem war nie die Technik

Das Verrückte ist:

Die neuen Geräte sind objektiv besser.

Sie können mehr.

Sie sehen moderner aus.

Sie bieten mehr Funktionen.


Aber für mich war das eigentliche Problem nie die Technik.

Das eigentliche Problem war, eine Umgebung zu finden, in der ich genug Ruhe habe, um überhaupt trainieren zu können.

Das alte Studio war für mich sensorisch einfach stimmig.

Ich konnte aus dem Fenster schauen.

Ich hatte nicht ständig Menschen in meinem Rücken.

Es gab kleine Ecken, die sich nicht anfühlten, als würde ich auf einem Präsentierteller sitzen.

Jetzt verschwindet nach und nach genau das.


Das Studio wird offener. Mehr Geräte, weniger Nischen. Mehr Effizienz, weniger Rückzugsmöglichkeiten.


Und ich merke, wie unwohl ich mich dabei fühle.


Die Betreiber haben das Studio modernisiert. Das weiß ich zu schätzen.

Aber für mich fühlt es sich an, als hätten sie genau die Dinge entfernt, die dafür gesorgt haben, dass ich mich dort wohlgefühlt habe.



Ok, ich könnte auch als Gast trainieren... aber dann wird nichts gespeichert. Dieser Bildschirm war mein Breaking Point.
Ok, ich könnte auch als Gast trainieren... aber dann wird nichts gespeichert. Dieser Bildschirm war mein Breaking Point.

Dazu kam die Anmeldung.

Die neuen Geräte wollen Zugangsdaten, wenn Du Deinen Fortschritt tracken willst. Du könntest auch als Gast trainieren.. aber wenn Du tracken willst, braucht es Zugangsdaten.

Nicht meine Mitgliedskarte.

Nicht einen QR-Code.

Nicht irgendetwas Einfaches.

Nein. Zugangsdaten.

Die Gleichen wie von einer App.

Deren Passwort ich natürlich nicht kenne.

Weil inzwischen alles über biometrische Anmeldung läuft.


Und während die Mitarbeiterin versuchte, mir das zu erklären, merkte ich, wie mein Gehirn langsam die weiße Fahne hisste.

Normalerweise kann ich solche Dinge lösen.

An diesem Morgen nicht.

An diesem Morgen war ich einfach durch. Das war mir zuviel.

Ich habe mich entschuldigt, wieder umgezogen und bin gegangen.


Vielleicht geht es gar nicht um die Veränderung

Auf dem Heimweg musste ich an meinen Supermarkt denken.

Und an die Tatsache, dass Menschen mit ADHS ständig nachgesagt wird, sie würden Neues lieben.

Ich glaube sogar, dass da etwas dran ist.


Ich entdecke gerne neue Orte. Neue Ideen begeistern mich. Ich fange regelmäßig Dinge an, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. Und langweilig war mein Leben bisher selten.

Warum also hat mich dieser Umbau so aus der Bahn geworfen?


Mein erster Gedanke war tatsächlich, ob das vielleicht meine vermutete autistische Seite ist. Der Teil in mir, der Routinen mag und Veränderungen eher skeptisch betrachtet.

Vielleicht.


Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto weniger überzeugt war ich davon.

Denn eigentlich mag ich Veränderungen oft sehr.

Solange ich mich bewusst darauf einlasse.


Entdecken ist etwas anderes als Ersetzen

Vielleicht liegt der Unterschied gar nicht zwischen neu und nicht neu.

Vielleicht liegt er zwischen Entdecken und Ersetzen.

Der neue Supermarkt im Urlaub ersetzt nichts.

Es geht nichts verloren.

Ich habe dort kein bestehendes System, das plötzlich nicht mehr funktioniert.

Es gibt nur etwas Neues zu entdecken.


Mein Fitnessstudio dagegen war ein Ort, an dem ich wusste, wie die Dinge funktionieren. Nicht perfekt. Aber gut genug.

Ich wusste, welche Geräte ich nutze.

Wo ich mich wohlfühle.

Wie ich in meinen Flow komme.

Wie ich trainiere, ohne ständig gegen Reize anzukämpfen.


Und plötzlich funktionierte dieses System nicht mehr.

Nicht weil das Studio schlechter geworden wäre.

Sondern weil die Dinge, die für mich funktioniert hatten, verschwunden waren.


Vielleicht war ich einfach enttäuscht

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob mich am Ende gar nicht die Veränderung selbst getroffen hat.

Vielleicht war es die Enttäuschung.

Ich hatte mich auf das Training gefreut.

Wochenlang.

Ich hatte mich darauf gefreut, wieder etwas zurückzubekommen, das mir gefehlt hatte.

Eine Routine.

Ein Stück Normalität.

Einen Ort, an dem ich wusste, was mich erwartet.

Und stattdessen bekam ich eine weitere Veränderung.

Eine weitere Anpassung.


Vielleicht können bei ADHS tatsächlich zwei Dinge gleichzeitig wahr sein.

Vielleicht lieben wir Neues.

Und gleichzeitig lieben wir Systeme, die funktionieren.

Vor allem dann, wenn wir lange gebraucht haben, sie aufzubauen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob jede Form von Neuheit für unser Gehirn dasselbe bedeutet.


Manche Formen von Neuheit schenken Energie.

Andere verlangen sie.


Und vielleicht erklärt das auch, warum ich stundenlang begeistert durch einen neuen Supermarkt im Urlaub laufen kann, während mich mein modernisiertes Fitnessstudio gerade in den Wahnsinn treibt.


Was meint ihr?


Kennt ihr dieses Gefühl?

Dass etwas objektiv besser geworden ist und ihr euch trotzdem nicht mehr wohlfühlt?

Und würdet ihr euch an das neue Studio gewöhnen oder anfangen, nach einer Alternative zu suchen?

 
 
 

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