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ADHS und der Mythos vom Ankommen

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Seine Comics sprechen mir so oft aus der Seele - Ich bin sicher auch er hat eine Neurodivergenz.
Wenn Du denkst, Du bekommst Dein Leben nicht in den Griff - Du bist nicht allein! Wenn Du auf das Bild klickst, kommst Du auf die isfies Webseite. Geh mal hin - das lohnt sich!

Als ich ein Kind war, später als Teenager und ehrlich gesagt auch noch mit Anfang zwanzig, habe ich Menschen angeschaut, die verheiratet waren, Kinder hatten oder fest im Berufsleben standen.

Und ich dachte: Die haben es geschafft.

Die sind angekommen.

Sie haben ihre Ziele erreicht und wissen jetzt, wie das Leben funktioniert.

Ein kleiner Teil von mir war neidisch. Denn wenn ich auf mein eigenes Leben geschaut habe, wirkte das eher wie ein großes Durcheinander. Immer wenn ich dachte, jetzt habe ich etwas erreicht, kam die nächste Herausforderung um die Ecke und warf meine Pläne wieder über den Haufen.

Beruflich habe ich lange gebraucht, bis ich wirklich Fuß gefasst habe. Ich war Anfang dreißig, als ich den ersten Job hatte, der sich für mich nach einem echten beruflichen Zuhause anfühlte.


Wir wachsen mit der Vorstellung auf, dass man bis zu einem bestimmten Alter bestimmte Dinge erreicht haben sollte. Ausbildung. Studium. Beruf. Partnerschaft. Familie.

Und irgendwie entsteht dabei die Idee, dass man danach fertig ist.

Die Realität sieht anders aus.


Niemand kommt wirklich an

Das Leben besteht aus Übergängen.

Der Wechsel von der Schule ins Studium oder in die Ausbildung. Der Einstieg ins Berufsleben. Beziehungen. Heirat. Kinder. Trennungen. Krankheiten. Die Lebensmitte. Die Menopause.

Jeder dieser Übergänge stellt neue Anforderungen an uns.

Im Leadership-Training sieht man das sehr deutlich. Viele Menschen glauben, dass der nächste Karriereschritt einfach eine Fortsetzung des bisherigen Jobs ist. Ist er aber nicht.

Eine Führungskraft zu werden bedeutet plötzlich etwas völlig anderes zu tun. Es geht nicht mehr darum, die eigene Arbeit gut zu machen. Es geht darum, Menschen einzuschätzen, Potenziale zu erkennen, zu motivieren und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen andere erfolgreich sein können.

Man braucht neue Fähigkeiten für eine neue Rolle.

Und genau so ist es im Leben.


Im Beruf gibt es Training. Im Leben eher nicht.

Der Unterschied ist nur: Im Beruf werden wir auf viele Veränderungen vorbereitet.

Wir bekommen Schulungen, Einarbeitung, Mentoring oder Weiterbildung.

Im Privatleben geht jeder davon aus, dass wir schon wissen, was wir tun.

Wir selbst übrigens auch.

Schließlich hat das bisherige Leben ja funktioniert. Warum sollte das Neue nicht auch funktionieren?

Genau an dieser Stelle geraten viele Menschen ins Straucheln. Und bei ADHS wird dieser Effekt oft noch deutlicher.


Die unbequeme Wahrheit über ADHS-Strategien

Ich lese viele Fachartikel und ADHS-Bücher.

Motivation funktioniert für jeden anders... vor allem bei ADHS.
Auch viele der Imposter Comics reffen genau den "Sweet Spot" um zu erklären, wie ich mich fühle - abonniere seinen Insta-Kanal. Einfach auf das Link klicken.

Und etwas macht mich dabei regelmäßig ein kleines bisschen wütend.

Fast alle Bücher beschäftigen sich damit, wie man hilfreiche Strategien entwickelt.

Das ist wichtig.

Was aber kaum jemand erwähnt: Strategien haben oft ein Verfallsdatum.

Etwas, das heute hervorragend funktioniert, kann in sechs Monaten völlig wirkungslos sein.

Nicht weil wir versagt haben.

Sondern weil unser Gehirn sich verändert. Weil sich unsere Lebensumstände verändern. Weil Neues irgendwann nicht mehr neu ist.

Viele von uns kennen das:

Wir finden endlich eine Methode, die funktioniert. Einen Kalender. Eine Morgenroutine. Eine Organisations-App. Eine bestimmte Art zu lernen oder zu arbeiten.

Und plötzlich funktioniert sie nicht mehr.


Die Falle des Festhaltens

Genau dann geraten wir häufig in eine Denkfalle.

"Aber das hat doch immer funktioniert."

Also versuchen wir es noch einmal.

Und noch einmal.

Und noch einmal.

Wir halten an einer Strategie fest wie an einem Rettungsring.

Nicht weil sie noch hilft, sondern weil sie früher geholfen hat.


Einer meiner Klienten steckt gerade genau in dieser Situation. Er versucht mit viel Kraft eine Strategie wiederzubeleben, die ihm jahrelang geholfen hat.


Das Problem ist nur: Sie hilft ihm heute nicht mehr.


Und manchmal besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin, eine Strategie besser anzuwenden.

Sondern darin, loszulassen.

Sich einzugestehen, dass etwas nicht mehr funktioniert.

Und den Mut zu haben, etwas Neues auszuprobieren.


Der wichtigste ADHS-Skill

Je mehr ich mich mit ADHS beschäftige, desto mehr glaube ich, dass genau das der entscheidende Skill ist.

Nicht perfekte Organisation.

Nicht die eine Wunderstrategie.

Sondern die Fähigkeit, regelmäßig zu überprüfen:

Was funktioniert für mich gerade noch?

Was funktioniert nicht mehr?

Was muss ich anpassen?

Welche neuen Werkzeuge brauche ich?

Eine frühere Kollegin von mir sagte einmal:

"Wenn alles, was du hast, ein Hammer ist, dann sieht jedes Problem aus wie ein Nagel."

Genau deshalb brauchen wir eine möglichst gut gefüllte Toolbox.

Und wir brauchen die Bereitschaft, Werkzeuge auszutauschen, wenn sie nicht mehr passen.


Warum Lebensübergänge alles verstärken

Besonders deutlich wird das in Lebensübergängen.

Denn dort verändert sich nicht nur unsere Situation.

Gleichzeitig verlieren oft auch die Strategien ihre Wirksamkeit, die uns bisher getragen haben.

Als Eltern brauchen wir andere Fähigkeiten als als Studierende.

In einer neuen Beziehung brauchen wir andere Fähigkeiten als als Single.

In einer Führungsrolle brauchen wir andere Fähigkeiten als als Fachkraft.

Wir müssen lernen, in neue Rollen hineinzuwachsen.

Und wir müssen uns erlauben, dabei Anfänger zu sein.


Verstehen. Wahrnehmen. Anpassen.


Niemand sieht, wie es in unseren Köpfen aussieht... wie selbst oft auch nicht. ;-)
Niemand sieht, was in unseren Köpfen los ist... wir manchmal selbst auch nicht...

Deshalb besteht der Kern meiner Arbeit aus zwei Dingen.

Das erste ist Psychoedukation.

Zu verstehen, was ADHS eigentlich ist und wie das eigene Gehirn funktioniert.

Je mehr ich darüber lese, desto besser verstehe ich auch mich selbst.

Das zweite ist Selbstwahrnehmung.

Zu bemerken, wann wir an Grenzen stoßen.

Zu erkennen, wann eine Strategie nicht mehr trägt.

Und den Mut zu entwickeln, neue Wege auszuprobieren.

Ich habe in einem früheren Blog über Introspektion geschrieben. Gerade für viele Menschen mit ADHS ist das keine Selbstverständlichkeit. Oft merken wir erst spät, dass etwas nicht mehr funktioniert.



Aber genau dort beginnt Veränderung.

Nicht mit noch mehr Anstrengung.

Sondern mit der Erkenntnis, dass ein neuer Lebensabschnitt vielleicht auch neue Werkzeuge braucht.


Wie geht es weiter?

Dieses Thema beschäftigt mich gerade sehr.

Deshalb werde ich in den nächsten Wochen und Monaten eine ganze Reihe von Blogartikeln dazu schreiben. Und ja, ich plane inzwischen sogar ein Buch darüber.

Mich würde deshalb interessieren:

Findet ihr euch in diesen Gedanken wieder?

Welche Lebensübergänge waren für euch besonders herausfordernd?

Und welche Themen rund um ADHS, Veränderung und Anpassung würdet ihr gerne als Nächstes lesen?

Schreibt es mir gerne in die Kommentare oder per Nachricht.

Ich freue mich auf den Austausch.


 
 
 

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