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ADHS und ein unfreiwilliger Digital Detox

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • 8. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Der Beginn meines Digital Detox: der Moment, als ich festgestellt habe, dass ich mein Handy vergessen habe...
Ich habe mein Handy vergessen... das kann auch nur mir passieren. Und ich war mir so sicher, dass es schon in der Handtasche gewesen ist...

Sag mir, dass du ADHS hast, ohne mir zu sagen, dass du ADHS hast.

Ich fange mal an:

Ich fahre für eine Woche nach England in den Urlaub. Mein Handy ist im Grunde meine Lebenslinie. Es ist praktisch an mir festgewachsen.


Und ich lasse es zu Hause liegen.


Bemerkt habe ich das erst am Bahnhof, als ich nachschauen wollte, von welchem Gleis unser Zug fährt.

Nach dem ersten Moment der Panik dachte ich mir: Ach komm. Eine Woche. Eine Woche schaffst du. Kein Social Media. Kein endloses Scrollen. Kein ständiges aufs Handy schauen. Das wird bestimmt total entspannend.


Spoiler: Es war komplizierter als das.


Schon auf der Anreise habe ich gemerkt, wie sehr ich mich auf mein Handy verlasse.

Normalerweise verstecke ich mich im Zug hinter meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern. Musik, Podcasts oder Hörbücher helfen mir dabei, die Reizkulisse auszublenden und meine Energie zu managen. Ohne Handy wurde das plötzlich schwierig. Die Kopfhörer funktionieren zwar auch mit meinem Laptop, aber der war sicher im Rucksack verstaut und nicht mal eben griffbereit.


Irgendwann habe ich ihn doch herausgekramt, Spotify gestartet und die Kopfhörer verbunden. Umständlich, aber immerhin.


Dabei wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich vor allem auf Reisen Musik gar nicht nur zur Unterhaltung nutze. Sie hilft mir dabei, geduldig zu bleiben, Reize zu filtern und meine Energie zu steuern. Gerade auf Reisen macht das einen riesigen Unterschied.


Was vielleicht auch ganz gut war, denn die zweite Etappe führte über Paris.

Falls ihr jemals mit dem Eurostar nach London fahren wollt: Fahrt nicht über Paris. Wirklich nicht.

Das Boarding dort ist jedes Mal ein Abenteuer der unangenehmen Sorte. Diesmal waren die elektronischen Reisepass-Scanner ausgefallen. Obwohl wir zur empfohlenen Check-in-Zeit da waren, hätten wir unseren Zug beinahe verpasst. Menschenmassen, Chaos, schlechte Organisation. Für mich der Stoff, aus dem sensorische Albträume gemacht werden.


Im Zug nach London habe ich deshalb einfach die Augen zugemacht, meine Loops eingesetzt und geschlafen.


Und dann begann der eigentliche Urlaub.


Die Familie meines Mannes trifft sich einmal im Jahr für eine gemeinsame Urlaubswoche. Wenn alle da sind, sind wir 17 Personen unter einem Dach.


Ich mag die Familie meines Mannes wirklich gerne. Aber 17 Menschen sind trotzdem 17 Menschen. Dazu kommt, dass alles auf Englisch stattfindet. Mein Englisch ist gut, aber eine Woche lang permanent in einer Fremdsprache unterwegs zu sein, kostet trotzdem Energie.

Ich mag die Familie meines Mannes sehr.... aber es sind halt auch echt viele... und soziale Interaktionen ziehen Energie

Normalerweise ziehe ich mich zwischendurch immer mal zurück. Nicht unbedingt, weil ich meine Ruhe brauche, sondern weil ich kurz abschalten möchte. Ein bisschen auf Vinted stöbern. Ein paar Videos anschauen. Ein paar Minuten gedankenlos scrollen.

Kleine Dopamin-Snacks für zwischendurch.

Dieses Mal ging das nicht.


Besonders deutlich wurde mir das morgens.

Mein Mann und ich lieben es, mit dem ersten Kaffee noch einmal ins Bett zu krabbeln. Meistens lesen wir ein bisschen oder scrollen auf unseren Handys herum, bis der Tag langsam beginnt.

Nur hatte ich diesmal kein Handy.


Lesen wollte ich direkt nach dem Aufwachen noch nicht. Zum Häkeln war es oft noch zu dunkel. Also lag ich irgendwann einfach da und wurde hibbelig.

Mir fehlte plötzlich ein Ritual, von dem ich vorher nicht einmal bemerkt hatte, dass es eines ist.


Im Laufe des Tages wurde es besser. Mit Medikamenten, Buch und Häkelprojekt kam ich erstaunlich gut zurecht. Tatsächlich habe ich deutlich mehr gelesen als sonst und einiges geschafft.

Das war die positive Seite der Erfahrung.



Ja, natürlich "doomscrole" ich auch... aber  mein handy hilft mir auch sehr meinen Alltag zu managen und meine Emotionen zu regulieren.
Die Screentime zu reduzieren ist nicht die alleinige Lösung - es ist sinnvoller zu schauen, wieviel zeit verbringe ich mit welcher App? Und welche App hilft mir? Und welche ist nur "billiges" Dopamin?

Die andere Seite war, wie oft ich im Alltag ganz selbstverständlich auf mein Handy zurückgreife.

Mal eben nachschauen, was es in der Nähe gibt.

Mal eben das Wetter prüfen.

Mal eben schauen, wie lange der Spaziergang dauert oder ob sich eine Wanderung überhaupt lohnt.

Mir wurde klar, wie viele kleine Entscheidungen ich inzwischen an mein Handy ausgelagert habe.

Und wie ungewohnt es sich anfühlt, das plötzlich nicht mehr zu können.


Irgendwann im Laufe der Woche habe ich dann kapituliert.

Nicht komplett.

Aber ich habe angefangen, mich mit meinem Laptop ins Zimmer zurückzuziehen und YouTube-Videos zu schauen.

Ein paar Tage ohne Social Media waren völlig in Ordnung.


Ganz ohne diesen Input zu sein dagegen deutlich schwieriger, als ich erwartet hätte.

Und genau das hat mich nachdenklich gemacht.


Denn vielleicht ging es dabei nie nur um Social Media.

Vielleicht ging es auch um etwas anderes.


Warum das Handy für viele Menschen mit ADHS so attraktiv ist


Menschen mit ADHS wird oft vorgeworfen, sie würden zu viel Zeit am Handy verbringen.

Und ja, manchmal stimmt das.


Aber die Erklärung ist oft komplexer als mangelnde Disziplin oder schlechte Gewohnheiten.

Unser Gehirn sucht ständig nach Reizen, Neuigkeit, Abwechslung und Belohnung. Das Smartphone liefert all das in perfekt portionierten Häppchen.

  • Ein interessantes Video.

  • Eine neue Nachricht.

  • Ein lustiges Bild.

  • Ein spannender Artikel.


Jeder kleine Treffer sorgt für einen winzigen Dopamin-Kick und genau davon scheint das ADHS-Gehirn nie ganz genug zu bekommen.

Dazu kommt etwas anderes:

Das Handy liefert nicht nur Unterhaltung. Es hilft vielen von uns auch bei der Selbstregulation.

  • Musik reduziert Reize.

  • Podcasts schaffen Struktur.

  • Navigation nimmt Entscheidungen ab.

  • Wetter-Apps helfen bei der Planung.

  • Kalender erinnern uns an Dinge, die sonst verloren gehen würden.

Das Smartphone ist für viele Menschen mit ADHS deshalb nicht einfach nur ein Spielzeug oder eine Ablenkung.

Es ist gleichzeitig Werkzeugkasten, Navigationsgerät, Gedächtnisstütze, Reizfilter und manchmal auch eine Art Notfallkoffer für überfordernde Situationen.

Mein unfreiwilliger Digital Detox hat mir deshalb vor allem eines gezeigt:

Offenbar nutze ich mein Handy nicht nur aus Gewohnheit.

Aber vielleicht nutze ich es an manchen Stellen auch mehr, als mir eigentlich guttut.

Und irgendwo zwischen diesen beiden Erkenntnissen liegt vermutlich die Wahrheit. Und wie sieht es bei Euch aus? Schreibt es mir in die Kommentare.

 
 
 

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