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Was ist denn jetzt was? – ADHS, Müdigkeit und Gefühle

Autorenbild: Meike Parker
Meike Parker
vor 17 Stunden
6 Min. Lesezeit

Eine Frau Anfang 50 sitzt am Morgen oder frühen Vormittag an einem Küchentisch. Sie ist bereits angezogen und hält eine Tasse Kaffee oder Tee in den Händen. Vor ihr liegen ein geschlossenes Notizbuch und ein Smartphone, ansonsten ist der Tisch weitgehend aufgeräumt. Sie schaut nachdenklich aus dem Fenster oder leicht ins Leere. Ihr Gesichtsausdruck ist bewusst mehrdeutig: Sie wirkt erschöpft, etwas gedrückt und nachdenklich, aber nicht eindeutig traurig. Die Szene soll offenlassen, ob sie müde, traurig, überfordert oder einfach erschöpft ist.
Es ist nicht immer einfach Gefühle und Empfindungen auseinander zu halten... vor allem, wenn ich noch keinen Kaffee hatte ;-)

Bin ich einfach nur müde und erschöpft? Oder ist das eine beginnende Depression?

Was ich an mir immer wieder feststelle: Wenn ich ein paar Nächte nicht gut geschlafen habe oder eine sehr, sehr anstrengende Zeit hinter mir habe, beeinflusst das meine Stimmung. Oder vielleicht genauer gesagt: Ich interpretiere das erst einmal als schlechte Stimmung. Als „Mir geht es gerade schlecht“ und weniger als „Ich muss dringend mal schlafen“ oder „Ich brauche Urlaub“.


Das funktioniert übrigens auch in die andere Richtung. Ich erinnere mich noch an die Zeit kurz vor meinem ersten Burnout. Vielleicht war ich da auch schon mittendrin. Ich saß in Gesprächen und sagte: „Ich bin so müde. Ich weiß überhaupt nicht, woran das liegt. Ich habe doch gut geschlafen.“


Was ist denn jetzt was? Das herauszufinden, fällt mir manchmal unglaublich schwer.

Nach dem Tod meiner Mutter und diesem heißen Sommer gab es Phasen, in denen ich so fertig und so kaputt war, dass ich tatsächlich lebensmüde Gedanken hatte, ohne wirklich lebensmüde zu sein. Ich habe mit meinem Psychiater darüber gesprochen. Für ihn war an dieser Stelle entscheidend, dass ich selbst klar unterscheiden konnte: Da taucht ein lebensmüder Gedanke auf, aber ich möchte nicht sterben.


Und wie das nun mal so ist bei mir: Wenn ich irgendeinen Gedanken oder eine Idee habe, die mich nicht loslässt, muss ich darüber recherchieren.


Was ich dabei gefunden habe, ist bei ADHS ziemlich spannend. Denn hier treffen gleich mehrere Themen aufeinander, über die ich schon geschrieben habe: Emotionsregulation, die Wahrnehmung dessen, was in meinem Körper passiert, und die Frage, wie gut ich eigentlich benennen kann, was ich gerade fühle.


Wenn die Löffel ausgehen: ADHS und Müdigkeit

Fangen wir mit der Müdigkeit an. Denn Erschöpfung scheint bei Erwachsenen mit ADHS tatsächlich keine Seltenheit zu sein.


Rogers et al. (2017) verglichen 243 Erwachsene mit ADHS mit 86 Menschen mit Chronic Fatigue Syndrome und 211 gesunden Kontrollpersonen. Die ADHS-Gruppe berichtete deutlich mehr Fatigue als die Kontrollgruppe. 62 Prozent erreichten in dieser Untersuchung sogar den verwendeten Schwellenwert für klinisch relevante Fatigue.


Das bedeutet jetzt nicht, dass 62 Prozent aller Menschen mit ADHS unter chronischer Erschöpfung leiden. Die Teilnehmenden mit ADHS kamen aus einer klinischen Stichprobe, die Zahl lässt sich also nicht einfach auf alle Menschen mit ADHS übertragen. Sie zeigt aber ziemlich deutlich: Erschöpfung ist ein Thema, das sich bei ADHS zu untersuchen lohnt.

Und Erschöpfung fühlt sich eben nicht nur nach Gähnen an. Wenn ich richtig müde bin, fehlt mir Energie. Ich kann mich schlechter konzentrieren, habe weniger Antrieb, möchte mich zurückziehen und alles fühlt sich irgendwie schwerer an.

Kommt euch davon irgendwas bekannt vor?


Viele dieser Dinge können schließlich auch bei Traurigkeit oder einer Depression auftreten. Damit haben wir schon das erste Problem: Die Zustände können sich verdammt ähnlich anfühlen.


Mein Körper sagt etwas. Aber was?

Und jetzt kommt die Interozeption ins Spiel. Damit ist unsere Fähigkeit gemeint, Signale

Dieselbe Frau wie im ersten Bild steht tagsüber in ihrer Küche an der Arbeitsplatte und hat mitten in einer alltäglichen Tätigkeit kurz innegehalten. Eine Hand liegt locker und beiläufig im Bereich des Oberkörpers, die andere ruht auf der Arbeitsplatte. Sie schaut leicht nach unten und wirkt aufmerksam und nachdenklich, als würde sie gerade versuchen wahrzunehmen, wie es ihr eigentlich geht. Keine sichtbaren Schmerzen und keine dramatische Körperhaltung. Auf der Arbeitsplatte stehen wenige alltägliche Dinge, zum Beispiel eine halbvolle Tasse, eine Wasserkaraffe und eine Obstschale. Die Ursache ihres Unwohlseins bleibt bewusst unklar.
Irgendwas ist nicht OK - aber was?

aus dem eigenen Körper wahrzunehmen. Hunger, Durst, Herzklopfen, Anspannung, Wärme, Kälte oder eben auch Erschöpfung gehören dazu.


Eine systematische Übersichtsarbeit von Bruton et al. (2025) hat sich angeschaut, was wir über Interozeption bei ADHS bisher wissen. Die Forschenden fanden 17 Veröffentlichungen mit insgesamt 18 Studien. Von fünf Studien, die Menschen mit und ohne ADHS direkt miteinander verglichen, fanden drei eine verminderte Interozeption bei ADHS. Auch stärkere ADHS-Symptome gingen in mehreren Untersuchungen mit geringerer Interozeption einher.


Die Studienlage ist noch überschaubar und die einzelnen Untersuchungen haben teilweise recht kleine Stichproben. Die Autoren formulieren deshalb vorsichtig: Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen mit ADHS Schwierigkeiten mit der Interozeption haben können.

Eine weitere Studie von 2025 passt ziemlich gut dazu. Untersucht wurden 30 Erwachsene mit ADHS und 57 Personen ohne ADHS. Die ADHS-Gruppe war bei der Wahrnehmung innerer Körpersignale weniger genau, hatte weniger Vertrauen in die eigene Einschätzung und schätzte auch selbst ihre interozeptive Genauigkeit geringer ein. Die Forschenden berücksichtigten dabei unter anderem Alter, autistische Merkmale, Alexithymie und Depression. Auch hier gilt: kleine Stichprobe, weitere Forschung nötig.


Für meinen müden Kopf bedeutet das erst einmal: Mein Körper sendet ein Signal. Irgendetwas stimmt gerade nicht. Die Batterie blinkt wahrscheinlich schon seit Stunden rot.

Nur steht auf dieser Warnleuchte leider nicht: ACHTUNG, MEIKE, DU BRAUCHST SCHLAF!

Ich bekomme erst einmal nur mit: Mir geht es nicht gut.


Und wie heißt dieses Gefühl jetzt?

An dieser Stelle kommt ein zweiter Begriff ins Spiel: Alexithymie.


Interozeption und Alexithymie sind zwei unterschiedliche Dinge. Bei der Interozeption geht es um die Wahrnehmung der Signale aus meinem Körper. Alexithymie beschreibt Schwierigkeiten dabei, eigene Gefühle zu erkennen, voneinander zu unterscheiden und in Worte zu fassen.


Auch dazu gibt es Forschung bei ADHS. Edel et al. (2010) untersuchten 73 Erwachsene mit ADHS. Rund 22 Prozent erreichten Werte im stark alexithymen Bereich. Besonders deutlich war der Zusammenhang mit Schwierigkeiten bei der Verarbeitung der eigenen Emotionen.

Und damit wird meine Ausgangsfrage plötzlich ziemlich interessant.


Ich habe schlecht geschlafen. Vielleicht schon mehrere Nächte. Mein Körper ist erschöpft. Meine Konzentration lässt nach, mein Antrieb ist weg, ich möchte meine Ruhe haben und alles fühlt sich schwer an.


Ich merke: Irgendetwas stimmt mit mir gerade nicht.


Wenn ich dieses körperliche Signal nicht eindeutig wahrnehme und gleichzeitig Schwierigkeiten habe, mein Gefühl genauer zu identifizieren, brauche ich trotzdem irgendeine Erklärung dafür. Und „Ich bin traurig“ ist dann gar keine so abwegige Interpretation.


Verwechsle ich also Müdigkeit mit Traurigkeit?

Vielleicht. Und an dieser Stelle müssen wir bei der Forschung sauber bleiben.

Ich habe keine Studie gefunden, die zeigt, dass Menschen mit ADHS tatsächlich häufiger Müdigkeit mit Traurigkeit verwechseln. Was wir haben, sind einzelne Puzzleteile: Fatigue kann bei Erwachsenen mit ADHS eine relevante Rolle spielen. Es gibt Hinweise auf Schwierigkeiten mit der Interozeption. Ein Teil der Menschen mit ADHS hat außerdem Schwierigkeiten damit, eigene Emotionen eindeutig zu identifizieren und zu benennen.


Meine Idee, dass daraus manchmal ein „Ich bin traurig“ entsteht, obwohl mein Körper eigentlich dringend nach Schlaf und Erholung ruft, ist also erst einmal genau das: eine Idee. Eine plausible Hypothese, keine wissenschaftlich belegte ADHS-Eigenschaft.


Und das Ganze kann vermutlich auch in die andere Richtung gehen. Genau daran musste ich bei meiner Erinnerung an die Zeit vor meinem Burnout denken. Ich war ständig müde und konnte mir nicht erklären, warum. Ich hatte doch geschlafen. Für mich war Müdigkeit damals erst einmal Müdigkeit. Dass diese Erschöpfung etwas mit meinem psychischen Zustand zu tun haben könnte, habe ich lange nicht gesehen.


Auch eine Depression kann sich körperlich bemerkbar machen. Erschöpfung, fehlender Antrieb, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen gehören zu den möglichen Symptomen. Wenn es mir ohnehin schwerfällt herauszufinden, was in meinem Körper und emotional gerade passiert, kann das Rätselraten also in beide Richtungen gehen: Vielleicht halte ich Erschöpfung für Traurigkeit. Vielleicht halte ich aber auch ein Warnsignal meiner Psyche für ganz normale Müdigkeit.


Was ist denn jetzt was?

Dieselbe Frau wie in den vorherigen Bildern sitzt ruhig auf einem Sofa in einem wohnlichen Wohnzimmer. Sie sitzt bequem, aber aufrecht, die Hände locker im Schoß oder neben sich. Ihr Smartphone liegt etwas entfernt auf einem Beistelltisch und wird nicht benutzt. Daneben steht eine Tasse. Sie schaut ruhig vor sich hin oder aus einem Fenster. Ihr Gesicht wirkt weiterhin etwas müde und nachdenklich, gleichzeitig aber aufmerksam und ruhig. Sie versucht nichts zu lösen und ist mit keiner Tätigkeit beschäftigt, sondern nimmt sich bewusst einen Moment, um wahrzunehmen, wie es ihr gerade geht.
Mal ohne Ablenkung in mich hineingehören...

Vielleicht ist deshalb genau das inzwischen die hilfreichere Frage für mich.


Wenn ich merke, dass meine Stimmung absackt oder ich ungewöhnlich erschöpft bin, kann ich einen Moment länger hinschauen:

  • Wie habe ich in den vergangenen Tagen geschlafen?

  • Wie viel war los?

  • Wann hatte ich zuletzt wirklich Pause?

  • Habe ich gegessen und genug getrunken?

  • Bin ich gerade reizüberflutet?

  • Und genauso wichtig: Fühle ich mich nach Ruhe und Schlaf wieder besser oder bleibt dieses Gefühl?


Wenn Erschöpfung oder gedrückte Stimmung über längere Zeit bleiben, stärker werden oder mir Sorgen machen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen und sie gegebenenfalls abklären zu lassen. Dauerhafte oder ungewöhnlich starke Müdigkeit kann schließlich auch körperliche Ursachen haben.


Für den ganz normalen Alltag nehme ich aus meiner Recherche aber etwas anderes mit: Ich muss nicht jede Veränderung meiner Stimmung sofort erklären können. Manchmal kann ich erst einmal feststellen: Irgendwas ist gerade anders.


Und dann darf ich meinem Körper ein paar Fragen stellen, bevor mein Kopf die Antwort übernimmt.


Quellen

  • Bruton, A. M. et al. (2025). Diminished Interoceptive Accuracy in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review.

  • Edel, M.-A. et al. (2010). Alexithymia, emotion processing and social anxiety in adults with ADHD. European Journal of Medical Research, 15, 403–409.

  • Rogers, D. C., Dittner, A. J., Rimes, K. A. & Chalder, T. (2017). Fatigue in an adult attention deficit hyperactivity disorder population: A trans-diagnostic approach. British Journal of Clinical Psychology, 56(1), 33–52.

  • Interoceptive abilities in adults with attention deficit hyperactivity disorder (2025).

 
 
 

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