Ideen haben ist nicht das Problem – ADHS und Durchhaltevermögen

Ideen haben, etwas Neues anfangen, sich von etwas begeistern lassen. Das sind alles Stärken, die viele von uns ADHSlern haben. Ich gehöre definitiv dazu. Ich habe ja auch in meinem Blog über die Prioritäten schon darüber gesprochen, wie viele Projekte gerade auf meinem Schreibtisch liegen und wie viele Ideen ich habe und wie schwierig es manchmal ist, tatsächlich eines zu priorisieren, weil ja gefühlt alles gleich wichtig ist.
Die Kehrseite davon ist, Dinge auch zu Ende zu führen.
Und damit sind wir beim letzten Thema unserer Serie über die exekutiven Funktionen: dem zielgerichteten Durchhalten, also unserem Durchhaltevermögen bei ADHS.
Nehmen wir zum Beispiel dieses Spiel, mit dem ich versuche, anderen erlebbar zu machen, wie sich ein Alltag als neurodivergenter Mensch anfühlen kann. Das ist fertig konzipiert. Die Regeln sind alle aufgeschrieben. Was noch fehlt, ist der Prototyp, damit es andere mal spielen können und ich vielleicht noch an den Feinheiten arbeiten kann.
Ich habe kleine Plastiklöffel gekauft. Alles ist da. Was ich noch nicht gemacht habe, ist das Layout der Karten. Besonders hakt es tatsächlich an den Charakterkarten, auf denen die Vorteile und Schwierigkeiten der einzelnen Charaktere aufgelistet sind. Das hat nicht so funktioniert, wie ich mir das überlegt hatte, und dann habe ich mich erst mal mit anderen Dingen beschäftigt.
Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass es mir manchmal hilft, eine schwierige Aufgabe erst einmal liegen zu lassen. Während ich mich mit anderen Dingen beschäftige, scheint mein Gehirn im Hintergrund weiterzuarbeiten. Und irgendwann ist die Lösung plötzlich da. Das funktioniert natürlich nicht immer, aber erstaunlich oft.
Dafür gibt es sogar einen wissenschaftlichen Begriff: den Inkubationseffekt. Caravona und Macchi (2023) haben untersucht, wie sich unterschiedliche Tätigkeiten während einer Denkpause auf das Lösen schwieriger Probleme auswirken. Besonders hilfreich waren dabei Aufgaben, die nur wenig geistige Anstrengung erforderten. Manchmal kann es also durchaus sinnvoll sein, ein Problem eine Weile liegen zu lassen.
Mittlerweile fiel mir sogar eine Lösung ein. Aber weitergemacht habe ich trotzdem noch nicht.
Denn inzwischen gibt es auch andere gute Gründe, warum es noch nicht weitergeht: Das IGP-Projekt (dazu bald mehr!) beginnt jetzt und bringt tatsächliches Einkommen. Die AZAV-Zertifizierung läuft, mit der Aussicht auf ein deutlich verlässlicheres Einkommen als mit einem Spiel. Meine Blogs bringen Besucher auf die Webseite, Klienten gehen sowieso immer vor und jetzt steht auch noch der Umzug ins neue Büro an.
Das Spiel muss also warten. Und das ist im Moment auch eine bewusste Entscheidung. Aber

ich kenne eben auch die andere Seite: Wenn ich bei einer Aufgabe auf Schwierigkeiten stoße, nicht schnell genug vorankomme und das erhoffte Erfolgserlebnis ausbleibt. Dann kann es ganz schön schwierig werden, dranzubleiben.
Wenn ich zurückblicke, könnte ich ganz viele Beispiele aufzählen, bei denen das Anfangen toll war und mich getragen hat. Aber dann das Durchhalten, das ist manchmal wirklich, wirklich schwierig.
Und wenn wir in die Forschung schauen, dann sehen wir auch, dass das keine Charakterschwäche ist, dass das tatsächlich ein Thema ist, das viele ADHSler teilen. Es liegt, wie bei vielen anderen Themen auch, eben nicht an mangelnder Willenskraft.
Aber schauen wir uns zuerst mal an, was die Forschung dazu genau sagt.
ADHS und Durchhaltevermögen: Ein Ziel haben und dranbleiben
Der ADHS-Forscher Russell Barkley hat bereits 1997 ein Modell vorgestellt, in dem er beschreibt, welche Rolle die exekutiven Funktionen bei der Steuerung unseres Verhaltens spielen.
Eine dieser Funktionen ist eben die Fähigkeit, unser Verhalten über längere Zeit auf ein Ziel auszurichten (aka den Prototypen auch fertigzustellen). Dazu gehört, dass wir uns immer wieder daran erinnern, was wir eigentlich erreichen wollen, andere Impulse zurückstellen und unsere Motivation aufrechterhalten, auch wenn die Aufgabe gerade wenig spannend ist.
Das kann bei ADHS schwierig sein.
Das Wollen ist hier nicht das Problem: Wir wissen, dass es wichtig ist, wir haben uns bewusst dafür entschieden und vielleicht sogar schon jede Menge Arbeit hineingesteckt. Trotzdem fällt es uns schwer, kontinuierlich daran weiterzuarbeiten.
Ich erinnere mich da beispielsweise an meine Hausarbeiten während des Studiums. Im Kopf waren sie längst fertig. Ich wusste, was ich schreiben wollte, hatte mich mit dem Thema beschäftigt und eigentlich musste ich meine Gedanken nur noch zu Papier bringen. Aber genau das habe ich häufig nicht geschafft. Und damals habe ich mich dafür ziemlich oft für faul gehalten.
Barkleys Modell bietet einen Erklärungsansatz dafür: Bei ADHS kann die Selbstregulation beeinträchtigt sein, also unter anderem die Fähigkeit, Motivation und Verhalten über längere Zeit an einem Ziel auszurichten.
*Quelle: [Barkley, R. A. (1997). Behavioral inhibition, sustained attention, and executive functions: Constructing a unifying theory of ADHD. Psychological Bulletin, 121(1), 65–94.](https://doi.org/10.1037/0033-2909
Die Sache mit den Belohnungen...
Eine interessante Studie stammt von Dovis und Kollegen aus dem Jahr 2012. Die Forschenden untersuchten 30 Kinder mit ADHS und 31 Kinder ohne ADHS. Die Kinder mussten Arbeitsgedächtnisaufgaben bearbeiten. Dabei wurde unter anderem untersucht, welchen Einfluss unterschiedliche Belohnungen auf ihre Leistung und ihr Durchhaltevermögen hatten.
Das Ergebnis: Besonders starke Anreize halfen den Kindern mit ADHS, ihre Leistung über die Zeit besser aufrechtzuerhalten.
Das ist interessant, denn wenn wir ein neues Projekt beginnen, ist die Beschäftigung mit der neuen Idee häufig schon eine Belohnung. Wir entwickeln Konzepte, probieren Dinge aus und sehen relativ schnell, wie etwas entsteht.
Irgendwann kommen dann allerdings die weniger aufregenden Aufgaben. Details ausarbeiten, Fehler korrigieren oder Schwierigkeiten lösen. Das fertige Ergebnis liegt noch in der Zukunft (und die ist sooooo weit weg...) und die unmittelbaren Erfolgserlebnisse werden seltener.
Wenn unmittelbare Belohnungen uns beim Durchhalten helfen können, liegt es doch eigentlich nahe, dass wir uns solche Belohnungen auch bei längeren Projekten schaffen.
Quelle: Dovis, S., Van der Oord, S., Wiers, R. W. & Prins, P. J. M. (2012). Can motivation normalize working memory and task persistence in children with attention-deficit/hyperactivity disorder? Journal of Abnormal Child Psychology, 40, 669–681.
Was hilft uns denn, um besser dranzubleiben?

Wenn das fertige Ergebnis noch weit entfernt ist, kann es helfen, den Weg dorthin in kleinere Etappen aufzuteilen.
Für mein Löffelspiel könnte das beispielsweise bedeuten, dass ich mir vornehme, erst einmal nur die Vorlage für die Charakterkarte zu gestalten. Und wenn die fertig ist, habe ich etwas erreicht, das ich tatsächlich sehen kann.
Vielleicht belohne ich mich anschließend mit etwas Schönem. Oder ich hake die Aufgabe einfach auf meiner Liste ab. Hauptsache, es gibt zwischendurch einen kleinen Erfolg.
Den Wiedereinstieg möglichst einfach machen
Was ich außerdem hilfreich finde: Am Ende einer Arbeitseinheit festhalten, wo es beim nächsten Mal weitergeht. Also beispielsweise: Die Vorlage für die Charakterkarte ist fertig - nächster Schritt: Für den ersten Charakter ausfüllen.
Damit muss ich beim nächsten Mal weniger überlegen, wo ich eigentlich aufgehört habe und was noch zu tun ist. Gerade wenn ein Projekt ein paar Tage oder Wochen liegen geblieben ist, kann das den Wiedereinstieg erleichtern. Und „die erste Charakterkarte ausfüllen“ klingt doch gleich viel überschaubarer als „endlich mal am Spiel weiterarbeiten“.
Beide Strategien sind praktische Möglichkeiten, die Selbstregulation zu unterstützen. Ob sie für euch sinnvoll sind und helfen, müsst ihr einfach ausprobieren.
Und damit sind wir am Ende unserer Serie angekommen!
In den vergangenen Wochen haben wir uns mit den verschiedenen exekutiven Funktionen beschäftigt. Wir haben darüber gesprochen, warum uns das Anfangen manchmal schwerfällt, weshalb unser Zeitgefühl gelegentlich eigene Wege geht, wie wir planen, Prioritäten setzen, unsere Emotionen regulieren und vieles mehr. Und heute ging es darum, wie wir an unseren Zielen dranbleiben können.
Ich hoffe, dass euch diese Serie dabei geholfen hat, euer Gehirn ein bisschen besser zu verstehen und vielleicht die eine oder andere neue Strategie für euren Alltag mitzunehmen.
Jetzt würde mich interessieren: Welche Themen rund um ADHS interessieren euch sonst noch? Gibt es etwas, das euch im Alltag beschäftigt oder worüber ihr gerne mehr erfahren würdet?
Ich freue mich auf eure Ideen!




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