ADHS und Organisation: Die Sache mit den Scheren

Ich bin neulich über eine Frage gestolpert. Ich kriege sie nicht mehr hundertprozentig zusammen, aber ungefähr ging sie so: „Welche Angewohnheit hat dein Partner, die eigentlich total nervig ist, du aber unglaublich liebenswert findest?“
Wenn ich über solche Fragen stolpere, stellen mein Mann und ich sie uns gegenseitig. Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Dass du immer die Scheren überall rumliegen lässt.“
Und ich so: „Ich lasse doch nicht überall Scheren … Oh. Moment. Doch.“
Im Großen und Ganzen mag ich Ordnung. Ich weiß, dass sie mir guttut. Wenn es um mich herum chaotisch ist, schaffe ich es kaum, meine Gedanken zu sortieren. Aber Scheren? Die lasse ich tatsächlich liegen.
Wenn ich eine Schere brauche, dann meistens, um ein Paket aufzumachen. Anschließend freue ich mich über den Inhalt – und die Schere ist vergessen. Nicht unbedingt aus den Augen, aber komplett aus dem Sinn.
Damit sind wir beim Thema: Ordnung schaffen, Ordnung halten und Strukturen reinbringen. Wohin mit der Post? Wie behalte ich offene Rechnungen im Blick? Und wie habe ich meinen Schlüssel parat, wenn ich aus dem Haus gehe?
Wie immer schauen wir zuerst in die Forschung.
ADHS und Organisation: Was sagt die Forschung?
Beim Thema ADHS und Organisation geht es um mehr, als Dinge irgendwo einzusortieren. Wir müssen im Blick behalten, was wir brauchen, was noch offen ist und was als Nächstes passieren soll.
Dabei spielt das Arbeitsgedächtnis eine Rolle: Es hält Informationen kurzfristig bereit, während wir mit ihnen arbeiten. Kofler und Kollegen untersuchten 103 Kinder zwischen acht und dreizehn Jahren mit und ohne ADHS. Schwächere Leistungen im Arbeitsgedächtnis waren mit größeren Organisationsproblemen verbunden – unter anderem beim Planen und beim Umgang mit Materialien. Auch Unaufmerksamkeit hing mit diesen Schwierigkeiten zusammen. Kofler et al., 2018
Die gute Nachricht: Organisationsfertigkeiten lassen sich gezielt unterstützen. Eine Auswertung von zwölf randomisierten Studien mit insgesamt 1.054 Kindern mit ADHS fand Verbesserungen durch Organisationstraining. Eltern bewerteten die Fortschritte größer als Lehrkräfte; die Verbesserungen bei schulischen Leistungen und Unaufmerksamkeit waren insgesamt kleiner. Bikic et al., 2017
Auch für Erwachsene gibt es passende Forschung. In einer Studie mit 86 Erwachsenen, die trotz Medikamenten weiterhin ADHS-Symptome hatten, half eine kognitive Verhaltenstherapie besser als eine Vergleichsbehandlung mit Entspannung und unterstützender Aufklärung. Zum Therapieprogramm gehörten unter anderem Kalender, Aufgabenlisten und das Aufteilen großer Aufgaben in kleinere Schritte. Safren et al., 2010
Eine neuere Auswertung von 43 Studien mit Jugendlichen und Erwachsenen liefert ebenfalls Hinweise darauf, dass Organisationsstrategien hilfreiche Bestandteile einer ADHS-Therapie sein können. Komponenten-Netzwerk-Metaanalyse, 2024
Die Forschung spricht dafür, Organisationsstrategien gezielt zu üben. Sie untersucht allerdings überwiegend ganze Programme und liefert kein einzelnes Ordnungssystem, das für alle passt.
Ich weiß doch, wo die Schere hingehört
Meine Scheren haben einen festen Platz. Ich kenne ihn. Daran scheitert es also schon mal nicht.
Wenn ich mir die Situation genauer anschaue, ist meine Aufgabe in diesem Moment: Paket aufmachen. Dafür hole ich die Schere, schneide das Klebeband durch und schaue hinein. Aufgabe erledigt. Jetzt beschäftigt mich der Inhalt.
Die Schere zurückzulegen wäre noch ein weiterer Schritt. Einer, der für das geöffnete Paket nicht mehr gebraucht wird. Und genau dieser Schritt geht bei mir offenbar gerne unter.
Das ist meine persönliche Beobachtung, keine wissenschaftliche Erklärung für jede herumliegende Schere. Aber sie macht für mich einen Unterschied: Ich muss mich überhaupt erst daran erinnern, dass zum Paketöffnen noch etwas dazugehört.
Ähnlich kann es mit anderen Dingen laufen. Ich habe den Brief gelesen und weiß jetzt, worum es geht. Dass ich darauf antworten muss, ist ein weiterer Schritt. Ich habe die Rechnung abgeheftet. Dass sie noch bezahlt werden muss, geht aber unter, wenn ich mir keine Erinnerung in den Kalender schreibe. In dem Fall also: immer erst bezahlen, dann abheften. ;-)
Wenn ich sie noch nicht bezahlen kann oder erst etwas klären muss, bleibt sie bei den offenen Vorgängen – mit einer Erinnerung daran, wann ich mich darum kümmere.
Etwas ordentlich unterzubringen und einen Vorgang zu Ende zu bringen, können ziemlich weit auseinanderliegen.
Ordnung schaffen ist ein Projekt. Ordnung halten passiert ständig.
Einmal den Schreibtisch aufzuräumen hat einen Anfang und irgendwann hoffentlich auch ein Ende. Ich kann mir Zeit dafür nehmen, Musik anmachen und mich über die freie Fläche freuen.
Diese Fläche freizuhalten verlangt etwas anderes. Neue Post kommt an. Ich brauche Unterlagen. Ich lege kurz etwas ab. Nach einer Tätigkeit muss ich bemerken, dass noch Dinge herumliegen, und sie zurückbringen. Immer wieder, mitten im Alltag.
Ein aufgeräumter Schreibtisch am Sonntag bedeutet deshalb noch nicht, dass ich ein System gefunden habe, das am Mittwoch zwischen zwei Terminen funktioniert.
Und das System selbst kann zusätzliche Arbeit machen. Wenn ich für jeden Brief erst entscheiden muss, in welche von zwölf Unterkategorien er gehört, verlangt schon das Ablegen eine kleine Denksportaufgabe. Passt die Rechnung unter „Auto“, „Versicherung“ oder „Finanzen“? Und unter welcher Kategorie werde ich später danach suchen?
Für unseren Alltag lohnt sich deshalb die Frage: Wie viel muss ich mir merken, entscheiden und tun, damit diese Ordnung erhalten bleibt?
Zwei Ideen für den Alltag
Was bedeutet das für ein Ordnungssystem im Alltag? Es sollte uns möglichst wenige Entscheidungen abverlangen und sichtbar halten, was noch offen ist. Dazu passen zwei Ideen, die es wert sind, einmal ausprobiert zu werden.
1. Erst sammeln, später sortieren
Müssen wir jedes Mal sofort entscheiden, wohin alles gehört, wird schon das Erfassen

aufwendig.
Deshalb kann es helfen, Sammeln und Sortieren zu trennen: eine Eingangsschale für neue Unterlagen, eine zentrale Notiz für neue Aufgaben. Zunächst darf etwas dort landen, ohne dass es schon perfekt eingeordnet ist.
So bekommt der neue Brief auch dann einen verlässlichen Platz, wenn ich gerade auf dem Weg nach draußen bin.
Dazu gehört allerdings ein kurzer, wiederkehrender Durchgang, zum Beispiel nach dem Kaffee, vor dem ersten Termin. Für den Anfang reicht es, beim Durchsehen Fristen und nächste Schritte festzuhalten. Ich muss dabei nicht gleich die gesamte Ablage erledigen.
Dabei helfen vier Fragen:
Muss ich damit etwas tun?
Gibt es eine Frist oder einen Termin?
Muss ich es aufbewahren?
Kann es weg?
Fristen wandern direkt in den Kalender oder das verwendete Erinnerungssystem, Aufgaben auf die Liste. Die benötigten Unterlagen bleiben bis zur Bearbeitung zusammen bei den offenen Vorgängen. Was erledigt ist oder nur aufbewahrt werden muss, kann in die Ablage.
Ohne diesen Durchgang wird die Eingangsschale einfach ein weiterer Stapel. Deshalb gehört zum Ausprobieren auch die Frage: Wann werde ich sie tatsächlich durchsehen? Ein Zeitpunkt, der im eigenen Alltag vorkommt, hilft mehr als der Vorsatz „Das mache ich dann regelmäßig“.
Wenn der Durchgang ein paar Tage ausfällt, kann ich beim nächsten Mal wieder anfangen. Zuerst schaue ich nach Fristen und dringenden Vorgängen. Der Rest darf nach und nach folgen.
2. Festhalten, was mit einer Sache passieren soll
Bei der Rechnung war es das Bezahlen, beim Brief das Antworten: Diese nächsten Schritte brauchen einen Platz im System, an dem wir sie wiedersehen.
Dabei hilft es, konkret aufzuschreiben, was zu tun ist – und wo die benötigten Informationen liegen:
„Werkstatt wegen Kostenvoranschlag anrufen – Unterlagen im Ordner Auto.“
Oder: „Auf Rückmeldung warten. Wenn bis Freitag nichts kommt, nachfragen.“
So müssen wir beim Wiederaufnehmen nicht erst rekonstruieren, worum es ging, wo die Unterlagen liegen und weshalb wir sie überhaupt aufgehoben haben. Bei einer Frist gehört eine passende Erinnerung dazu.
Das funktioniert auch bei Unterbrechungen. Wenn ich eine Sache gerade nicht fertig machen kann, hinterlasse ich mir eine kurze Notiz: „Formular bis Seite 2 ausgefüllt. Als Nächstes Versicherungsnummer ergänzen.“
Damit ist der Wiedereinstieg schon ein Stück vorbereitet.
Und was mache ich jetzt mit den Scheren?
Bei meinen Scheren könnte ich zunächst ausprobieren, das Zurücklegen bewusst zum Paketöffnen dazuzunehmen: Klebeband durchschneiden, Schere zurückbringen, dann den Inhalt anschauen.
Ob das bei mir funktioniert, muss sich zeigen. Aber damit setze ich an dem Moment an, in dem die Schere bisher aus meinem Kopf verschwindet.
Genau darum geht es für mich bei einer hilfreichen Ordnung: herauszufinden, an welcher Stelle etwas im Alltag hängen bleibt, und dort Unterstützung einzubauen. Beim Erfassen, beim Wiederfinden, beim Erinnern oder beim Abschließen.
Die Scheren haben ihren Platz schon. Jetzt fehlt noch der Rückweg.




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