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Tee trinken mit Monstern – nicht nur bei ADHS

Autorenbild: Meike Parker
Meike Parker
vor 1 Stunde
6 Min. Lesezeit

Besorgte Frau liest einen Brief am Holztisch in einem gemütlichen Wohnzimmer bei warmem Licht.
...ohne Worte...

Vor Kurzem habe ich Neuigkeiten bekommen, die mich ziemlich erschüttert haben. Dabei ist ein alter Schmerz wieder aufgewacht. Warum sage ich „alter Schmerz“? Ich bin jetzt 50, und dieser Schmerz stammt noch aus meiner Kindheit und Jugend.


Was genau diese Neuigkeiten waren, möchte ich hier nicht erzählen. Für das, worum es mir geht, ist das auch nicht entscheidend. Aber sie haben eine alte Wahrnehmung, ein altes Gefühl aus meiner Kindheit und Jugend noch einmal bestätigt und unterstrichen. Und das tat ganz schön weh.


Da war dieses: Ja, ich habe mir das nicht nur eingebildet. Ich habe jetzt mehr oder weniger schwarz auf weiß, dass meine Wahrnehmung gestimmt hat. Es war interessant zu beobachten, durch welche Phasen ich danach gegangen bin. Erst kam der Schock, das Nicht-wahrhaben-Wollen: Das kann doch nicht sein. Mir wurde das doch immer anders erzählt, als es da jetzt steht.


Dann kam die Wut. Für meine Verhältnisse eine ziemlich heftige. Ich versuche eigentlich immer, ausgeglichen zu sein, auch wenn das nicht immer so gesund ist.


Und danach kam der Galgenhumor. Da konnte ich von außen auf die Situation schauen und einfach nur noch darüber lachen.


Ich weiß, dass dieser Zyklus aus Trauer, Schmerz, Wut und Galgenhumor sich noch ein paarmal wiederholen wird. Denn: Diese Nachricht tut weh. Sie bestimmt heute jedoch nicht mehr, wie ich mich selbst sehe.


Zwischen zwei Familien

Die Nachricht hat für mich im Grunde gesagt: „Du gehörst nicht zur Familie.“

Damit verständlich wird, warum mich das so getroffen hat, muss ich ein kleines bisschen ausholen.


Ich glaube, ich habe schon einmal erwähnt, dass meine Kindheit und Jugend nicht ganz so behütet und unterstützend waren, wie es für ein junges Mädchen wünschenswert gewesen wäre.


Die ersten zehn Jahre habe ich bei dem einen Elternteil gelebt. Die nächsten zehn Jahre, bis ich mein Studium begonnen habe, bei dem anderen. Wenn ich hier von meiner ersten und meiner zweiten Familie spreche, meine ich diese beiden Familien.

Ich gehörte also irgendwie zu zwei Familien. Aber vom Gefühl her zu keiner wirklich.


Natürlich war ich weiterhin Teil meiner ersten Familie. Aber durch meinen Umzug ging die Verbindung verloren.


In meiner zweiten Familie gab es andere Werte und Normen. Die hatten sich dort längst eingespielt. Ich brachte aber die Regeln meiner ersten Familie mit. Das könnt ihr euch vorstellen wie bei Mau-Mau oder UNO. Fast jeder kennt diese Spiele, aber jede Familie, jede Gruppe spielt sie ein kleines bisschen anders. Und dass die eigenen Regeln nicht die allgemein gültigen sind, merkt man oft erst, wenn man mit jemandem spielt, der andere kennt.


So ähnlich war das für mich. Ich kam mit meiner Vorstellung davon, wie man UNO oder Mau-Mau spielt, in diese zweite Familie. Und die spielte ganz anders.

Ich hinterfragte meine Regeln nicht. Ich war zehn Jahre alt. Ich spielte einfach so, wie ich es kannte, und war immer wieder völlig irritiert, dass das falsch sein sollte.

Meine zweite Familie war wiederum irritiert darüber, wie ich spielte. Auch dort wurden die eigenen Regeln nicht hinterfragt.


Natürlich ging es nicht um Kartenspiele, sondern darum, welches Verhalten erwartet wurde und was als richtig oder falsch galt. Aber wir haben uns nie hingesetzt und diese Regeln miteinander verglichen. Ich wusste mit zehn Jahren nicht, dass es da überhaupt etwas zu vergleichen gab. Und die Erwachsenen machten diese Unterschiede auch nicht zum Thema.


So war ich aus meiner ersten Familie draußen, kam aber in meiner zweiten nie wirklich an.

Was mich dort zusätzlich anders machte, war mein ADHS.


Ich hörte immer wieder: „Deine (Stief-)Geschwister hatten damit nie Probleme. Du musst doch einfach nur …“ Und ich saß da und dachte: Ja, aber einfach ist es nicht. Und ein „nur“ ist das auch überhaupt nicht. Damals wusste ich damit nichts anzufangen. So entwickelte sich über einen langen Zeitraum dieses Gefühl: Ich bin nicht genug. Ich bin nicht richtig. Ich bin falsch.


Mit der Zeit passte ich mich an meine zweite Familie an. Das wiederum entfremdete mich noch mehr von meiner ersten. Das ist der Hintergrund. Ich erzähle ihn, damit ihr versteht, warum mich diese Nachricht getroffen hat. Sie bestätigte, dass ich in meiner ersten Familie tatsächlich nicht mehr wirklich dazugehört hatte. Ich war dort nicht mehr präsent.


Was heute anders ist

Mein Mann fragte mich gestern: „Wie geht es dir denn jetzt tatsächlich damit?“ Und ich sagte: „Na ja, das tut weh. Das so zu lesen, zu hören, diese Gewissheit zu haben. Das tut auch meinem heutigen Ich weh. Aber ich habe zum Glück im Laufe der Zeit genügend andere Erfahrungen gemacht. Deshalb bestimmt diese Information heute nicht mehr, wie ich mich selbst sehe.“ Ich falle dadurch nicht mehr zurück in die Überzeugung: Ich bin nicht liebenswert. Ich bin nicht genug.


Ich kann hier sitzen und diesen Schmerz anerkennen. Und gleichzeitig sagen: Ich habe genügend andere Erfahrungen, die diese Bestätigung meines alten Empfindens aufwiegen.

Ich begegne immer wieder Menschen, die mich so lieben und schätzen, wie ich bin.

Ich habe es trotz allem geschafft, eine Partnerschaft aufzubauen, die auf Liebe, Vertrauen, gegenseitigem Respekt und Achtung beruht. In der ich die Sicherheit habe, sein zu dürfen, wie ich bin, und genauso angenommen zu werden.


Und ich habe gelernt, diese Nähe auch zuzulassen, statt mich aus Angst vor Ablehnung immer wieder zurückzuziehen.


Dafür habe ich sehr lange gebraucht. Und ich hatte das unglaubliche Glück, einen Mann zu treffen, mit dem ich das lernen konnte. Der mir jeden Tag wieder genau dieses Gefühl von Liebe und Sicherheit vermittelt, das ich so brauche. Das tut er nicht durch irgendwelche großen Dinge, sondern einfach, weil er da ist. Durch jede kleine Berührung. Dadurch, dass er mir morgens meinen ersten Kaffee macht. Durch eine Sammlung von lauter Kleinigkeiten.


Gerade in diesem Jahr habe ich außerdem erfahren, dass ich bei manchen Menschen einen größeren Eindruck hinterlassen habe, als mir bewusst war. Ein Mensch, den ich damals als jungen Teenager kannte und mit dem ich gefühlt gar nicht viel zu tun hatte, fragte nach über 20 Jahren auf einer Feier nach mir. Einfach, weil er sich gefreut hätte, mich zu sehen. Über ihn kam auch sein Vater wieder in mein Leben, der damalige Freund meiner Stiefschwester. Er war in der Zeit, in der ich in meiner zweiten Familie lebte, der Erste, bei dem ich das Gefühl hatte: Der sieht mich.


Der sieht mich.


Ich betone das „mich“, weil natürlich niemand blind war. Natürlich wurde ich gesehen. Aber was ich meine, ist: Ich wurde auch wahrgenommen. Nicht nur als eine Person, die eine bestimmte Rolle erfüllen sollte. Die aus irgendeinem Grund dafür zuständig war, die Eltern in dieser Familie durch bestimmte Verhaltensweisen glücklich zu machen.

Er sah, wer ich war, und schätzte mich als Menschen.


Als sein Sohn nach der Feier von mir erzählte, dachte er: „Ach cool, da muss ich mich auch mal wieder melden.“ (Und da fällt mir ein: Ich muss mich jetzt auch bei diesem Menschen melden. Es hat mich wirklich sehr, sehr gefreut, ihn wieder zu hören.)


Ich erlebe auch, dass sich wildfremde Menschen mir anvertrauen. Dass sie sich in meinen Coaching-Sessions schnell öffnen und sich bei mir gut aufgehoben fühlen. All das sind Erfahrungen, die mir zeigen: Ich werde gesehen. Ich werde geschätzt. Ich darf so sein, wie ich bin.


Alte Verletzungen dürfen wehtun – auch mit ADHS


Wir tragen alte Verletzungen mit uns herum. Und gerade wenn man neurodivergent ist, können das ganz viele, viele, viele Kleinigkeiten sein. Da kursiert diese Zahl: Bis zum Teenageralter bekommen Kinder mit ADHS etwa 20.000 negative Rückmeldungen mehr als andere Kinder. Diese konkrete Zahl ist wissenschaftlich so nicht belegt. Soweit ich mich erinnere, wurde sie einmal in einem Vortrag genannt. Wer das war, müsste ich noch einmal nachschauen.


Aber ich verstehe, warum sie so oft zitiert wird. Diese große Zahl macht greifbar, wie viel sich über die Jahre ansammeln kann. Und dass man mehr negatives Feedback bekommt, finde ich sehr nachvollziehbar. Das beginnt bei „Zappel nicht so rum“ und endet noch lange nicht bei „Warum kannst du nicht einfach …?“


Mit diesem Blog möchte ich ein kleines bisschen Mut machen. Und sagen: Hey, wenn eine alte Verletzung wieder hochkommt, ist das okay. Der Schmerz ist berechtigt. Im Blog über emotionale Regulation ging es schon darum, wie wichtig es ist, Gefühle anzuerkennen. Ja, der Schmerz ist da. Und er darf da sein. Du darfst wütend sein. Du darfst geschockt sein. Du darfst traurig sein. Du darfst darüber sarkastische Witze machen.


Und du darfst auch anerkennen, was sich seit damals verändert hat. Welche anderen Erfahrungen du inzwischen gemacht hast. Was du heute über dich weißt.

Dieser alte Schmerz kann noch da sein, ohne dich weiterhin zu definieren.


Tee mit den Monstern

Es gibt diesen kleinen Comic, diese Karikatur, glaube ich, in der ein Mensch mit seinen

Frau sitzt mit drei freundlichen, zotteligen Monstern an einem Holztisch und hält eine Tasse in warmem Wohnzimmer.
Wenn man sie näher kennenlernt, sind die eigentlich ganz nett....

Monstern Tee trinkt. Darunter steht sinngemäß: Wenn man sie näher kennenlernt, sind sie gar nicht so schlimm.


Dazu möchte ich euch heute einladen: Trinkt doch mal Tee mit euren Monstern.


Lernt sie ein bisschen besser verstehen. Vielleicht können wir uns so auch ein kleines bisschen von ihnen abgrenzen. Erkennen: Dieser Schmerz gehört zu meiner Geschichte. Aber er ist nicht alles, was mich ausmacht.


Deshalb: Trinkt einmal öfter Tee mit euren Monstern.

 
 
 

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