All the feelings - all at once: Das Gefühls-Chaos nach einer ADHS Diagnose im Erwachsenenalter.

Heute geht es um dieses Amalgam an Gefühlen, das viele Menschen überwältigt, die ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter bekommen. Ich habe das in verschiedenen Blogs schon ein paar Mal angekratzt, dem Thema aber nie den Raum gegeben, den es eigentlich verdient.
Der Weg zu einer ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter ist sehr individuell. Wir alle haben andere Auslöser, andere Lebensgeschichten und gehen unterschiedlich mit der Diagnose um.
Zumindest denkt man das.
Schaut man sich die Studienlage* an, wird ziemlich deutlich, dass es trotz aller Unterschiede eine große Gemeinsamkeit gibt.
In diesem Jahr ist eine systematische Übersichtsarbeit erschienen, in der 21 Studien ausgewertet wurden. Das Ergebnis: Eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter ist für viele Menschen ein einschneidendes Identitätsereignis. Häufig treten Erleichterung, Wut, Trauer und Identitätsverunsicherung gleichzeitig oder kurz nacheinander auf.
Das meine ich mit "All the feelings all at once."
Wenn ich auf meine eigene Geschichte zurückschaue, dann war das bei mir genauso.
Ich war an einem Punkt, an dem mir klar war: So geht es nicht mehr weiter.
Das Beispiel habe ich schon ein paar Mal gebracht, aber es passt eben so gut: Nach einem normalen Arbeitstag hatte ich abends nicht einmal mehr genug Energie, um zu entscheiden, welchen Tee ich trinken wollte.
Für mich war das der Moment, an dem ich gesagt habe: Okay, so kann es nicht weitergehen. Was ist eigentlich mit mir los?
Dann bekam ich meine Diagnose.
Und ja, natürlich war ich erleichtert. Mein Eindruck, dass ich anders ticke als andere und andere Bedürfnisse habe, hatte sich bestätigt. Dieses diffuse Gefühl, irgendwie nicht richtig zu sein, dieses Sich-unzulänglich-Fühlen, hatte plötzlich einen Namen.
Aber das war längst nicht alles.
Da war Wut. Warum war das niemandem früher aufgefallen? Ich war jahrelang wegen Depressionen in Behandlung. Ich hatte im Laufe der Jahre mehrere Therapeuten. Ich war wegen Burnout in der Reha und habe dort ebenfalls Therapeuten gesehen.
Und niemand hat einmal ein kleines bisschen weitergeschaut und sich gefragt, warum ich überhaupt an diesem Punkt angekommen war.
Im Nachhinein mache ich ihnen gar keinen Vorwurf. Es gab genügend andere Themen, die vieles überlagert haben. Aber die Wut war da. Die Trauer war da. Die Erleichterung war da. Und je nachdem, wann ihr mich gefragt hättet, wäre wahrscheinlich gerade eines dieser Gefühle lauter gewesen als die anderen.
Es fühlte sich an wie eine Achterbahnfahrt. Mal war da Erleichterung, weil ich jetzt endlich wusste, woran ich war. Dann kam wieder die Wut. Daraus wurde Trauer. Und kurz darauf war da wieder Erleichterung, weil ich jetzt endlich anfangen konnte, Dinge anders anzugehen. Ich war in diesem Gefühlschaos gefangen und kam da nicht richtig heraus.
Vor allem blieb diese eine große Frage:
Was mache ich jetzt damit?
Also habe ich mir wieder eine Therapeutin gesucht. Über BetterHelp. Die Frau war mit
Sicherheit keine nach deutschen Standards ausgebildete Therapeutin. Aber sie hat mir auf einer Ebene helfen können, auf der mir vorher kein Therapeut helfen konnte. Ihr Ansatz war sehr hands-on.
Aber zurück zu diesem Gefühlschaos. Ich war in dieser Achterbahn gefangen. Gleichzeitig war da diese tiefe Gewissheit: Ich muss etwas ändern.
Wenn ich in einer Situation feststecke, dann gibt es für mich immer drei Möglichkeiten: Love it, Change it or Leave it.
Love it war keine Option mehr. Ich wollte nicht länger so leben, dass ich nach der Arbeit keine Energie mehr für mein Leben hatte. Für meinen Mann. Für Hobbys. Für kreative Projekte. Sprachen lernen. Lesen. All das war über Jahre viel zu kurz gekommen und hat mir gefehlt.
Leave it war ehrlich gesagt auch keine Option. Bei allem Zombiegefühl hänge ich doch ziemlich an meinem Leben.
Also blieb nur eins: Change it.
Ein wesentlicher Punkt war mein Berufsleben. Aber genau davor hatte ich Angst.
Ich hatte mich schon einmal selbstständig gemacht. Und ich bin damit gescheitert.
Das ist etwa 25 Jahre her. Damals wollte ich Rhetorisch-Didaktische Weiterbildungen für Hochschuldozenten anbieten. Ihr könnt euch vorstellen, wie gut die Idee angekommen ist, wenn Mittezwanzigjährige Hochschullehrenden erklären möchten, wie sie bessere Vorlesungen halten können. Und dazu kam, dass Akquise damals schon mein Endgegner war.
Meine Therapeutin hat gemerkt, wie sehr mich diese Angst blockiert und hat mir eine Aufgabe gegeben. Rückblickend war sie wahrscheinlich der Schlüssel.

Ich sollte die wichtigsten Stationen meines Lebens auf einem Zeitstrahl festhalten. Studienabbruch. Erster Job. Erste Selbstständigkeit. Jobwechsel. Und zu jedem dieser Punkte sollte ich überlegen:
Was ist damals passiert?
Warum habe ich diese Entscheidung getroffen?
Was habe ich daraus gelernt?
Und vor allem: Wie bewerte ich diese Situation mit dem Wissen von heute?
Ich habe angefangen, auf mein eigenes Leben zurückzuschauen. Hausarbeiten, die ich nicht fertig bekam, obwohl sie in meinem Kopf längst fertig waren und nur noch aufgeschrieben werden mussten. Die erste Selbstständigkeit. Momente, in denen ich mich für faul gehalten habe. Und plötzlich konnte ich sagen:
"Ah ... wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich ganz andere Strategien entwickeln können."
Die Diagnose hat mir geholfen, meine Geschichte neu zu erzählen.
Dadurch konnte ich mein Imposter-Syndrom, das damals sehr ausgeprägt war, ein Stück weit in seine Schranken weisen. Ich glaube nicht, dass ich es jemals ganz loswerde. Aber heute begegnen "wir" uns eher auf Augenhöhe. Es ist nicht mehr dieses ständige: "Du kannst sowieso nichts." Heute kann ich antworten: "Doch. Ich kann das. Und das. Und das auch."
Ich bin nachsichtiger mit mir selbst geworden. Weniger dieses: "Ich muss das doch können. Andere können das doch auch." Heute kann ich sagen: Ja, die Aufgabe an sich ist vielleicht gar nicht schwierig. Eine Liste mit Leuten anzurufen ist keine Rocket Science. Aber für mich ist es schwierig, die Motivation und die Energie aufzubringen, tatsächlich zum Hörer zu greifen. Weil da für mein Gehirn kein Dopamin drin steckt.
Wenn ich heute auf meine Geschichte zurückblicke, dann bestätigt mich vor allem eines: So individuell sich meine Geschichte angefühlt hat, so wenig bin ich damit allein. Dass dieser Prozess inzwischen wissenschaftlich beschrieben werden kann, hat für mich etwas unglaublich Beruhigendes.
Die Diagnose kann zu einer biografischen Neubewertung führen. Sie kann Selbstmitgefühl stärken. Aber das passiert nicht automatisch. Es erfordert, sich aktiv mit sich selbst auseinanderzusetzen. Mit den eigenen Erfahrungen. Mit den eigenen Glaubenssätzen.
Ich kann meinen Klienten Impulse geben. Ich kann Fragen stellen. Ich kann Übungen mitgeben. Aber verändern kann sich nur etwas, wenn sie bereit sind, sich auf diesen Prozess einzulassen und die Dinge zwischen unseren Gesprächen auch auszuprobieren. Wir können uns so oft treffen, wie wir wollen. Wenn diese Auseinandersetzung mit sich selbst nicht stattfindet, wird sich auch nichts verändern.
Und darin liegt die große Chance, die eine Diagnose bieten kann. Es kann der Anfang von etwas Neuem sein. Denn die Geschichte, die wir über uns selbst erzählen, beeinflusst auch die Entscheidungen, die wir heute treffen. Unsere Vergangenheit können wir nicht verändern. Aber wir können verändern, wie wir sie verstehen und welche Schlüsse wir aus ihr ziehen.
Deshalb ist es so wichtig, sich mit den eigenen Glaubenssätzen auseinanderzusetzen. Zu fragen, ob sie heute überhaupt noch stimmen. Manche haben uns über viele Jahre gute Dienste geleistet. Aber irgendwann helfen sie uns nicht mehr weiter. Dann dürfen wir sie loslassen und durch neue ersetzen.
Mir hat dieser Prozess geholfen, meine Geschichte neu zu erzählen. Er hat mir den Mut gegeben, meinen Job zu kündigen und mich selbstständig zu machen.
Heute möchte ich für andere Menschen da sein, die Ähnliches erleben. Menschen, die sich unter anderem nach einer ADHS-Diagnose fragen, wie es jetzt weitergeht, oder die an einem Punkt in ihrem Leben angekommen sind, an dem ihre bisherigen Strategien nicht mehr funktionieren.
Ich möchte ihnen das Gefühl geben: Du bist nicht allein. Da ist jemand, der diesen Weg in ähnlicher Form selbst gegangen ist und dir dabei helfen kann.
Wenn du das Gefühl hast, dass du dich in meiner Geschichte wiedererkennst und anfangen möchtest, aktiv an deinem eigenen besseren Morgen zu arbeiten, dann vereinbare gerne ein unverbindliches Erstgespräch. Gemeinsam schauen wir, was dir dabei helfen kann.




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