Barrierefrei? Für wen eigentlich?
- Meike Parker
- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Im letzten Blog ging es um meinen Frust über den Umbau meines Fitnessstudios.
Genauer gesagt um die Frage, warum Veränderungen für viele Menschen mit ADHS so anstrengend sein können. Eigentlich dachte ich, damit wäre das Thema für mich erledigt.
War es aber nicht.
Denn anschließend war ich mit dem Kundenservice des Betreibers im Austausch. Und genau dieser Austausch hat mich zum Nachdenken gebracht. Nicht nur über mein Fitnessstudio. Sondern darüber, was dort eigentlich passiert ist. Stellvertretend für viele andere Bereiche unseres Alltags. Und plötzlich stellte sich mir eine ganz andere Frage:
Was bedeutet eigentlich "barrierefrei"?
Falls ihr den letzten Blog nicht gelesen habt, hier die Kurzfassung:
Als Gewohnheitstier trainiere ich fast ausschließlich auf dem Crosstrainer und an den eGym-

Geräten. Genau diese beiden Bereiche wurden beim Umbau so verändert, dass ich mich dort heute nicht mehr wohlfühle. Die Geräte stehen jetzt so, dass mein Gehirn ständig zusätzliche Sinneseindrücke verarbeiten muss. Gleichzeitig wurde bei den neuen Cardiogeräten ein zusätzlicher Anmeldeschritt eingeführt. Jede einzelne Veränderung für sich wäre wahrscheinlich kein Problem gewesen. Zusammen sorgen sie aber dafür, dass mich das Training mehr Energie kostet, als es mir zurückgibt.
Das Tragische daran ist: Ich gehe ja nicht ins Fitnessstudio, obwohl ich ADHS habe.
Ich gehe wegen meines ADHS ins Fitnessstudio. Bewegung gehört zu den Dingen, die meine Dopaminproduktion ankurbeln. Und Dopamin spielt eine entscheidende Rolle dabei, dass meine exekutiven Funktionen gut arbeiten.
Man könnte also sagen: ich gehe ins Fitnessstudio, um Energie zu gewinnen. Im Moment fühlt es sich jedoch so an, als würde mich die zusätzliche Verarbeitung all dieser Sinneseindrücke mehr Energie kosten, als ich durch das Training zurückbekomme.
Nach dem Training bekam ich die übliche E-Mail mit der Bitte um Feedback.
Also habe ich erklärt, was das Problem ist. Dass ich ADHS habe. Dass ich außerdem vermute, auch im Autismus-Spektrum zu liegen. Dass es mir nicht um neue Geräte geht, sondern darum, dass die neue Raumgestaltung deutlich mehr Sinneseindrücke produziert, die mein Gehirn gleichzeitig verarbeiten muss.
Die erste Antwort begann noch mit einem freundlichen "Hallo Meike". Veränderungen seien eben für uns alle schwierig. Ich solle einfach einen Trainer ansprechen, der mir die neuen Geräte erklärt.
Die Antwort ging gewollt total am Thema vorbei. Das hat mich geärgert.
Also habe ich noch einmal nachgefragt. Ich habe erklärt, warum ich dieses Studio überhaupt ausgesucht hatte. Kurze Wege. Direkt mit der U-Bahn erreichbar. Kleine Nischen. Nicht perfekt, aber deutlich weniger reizintensiv als viele andere Studios. Ich wollte wissen, ob bei der Planung eigentlich auch Menschen berücksichtigt wurden, für die genau solche Dinge entscheidend sind. Ob darüber nachgedacht wurde. Ob es vielleicht einen Kompromiss geben könnte.
Die zweite Antwort begann dann mit: "Sehr geehrte Frau Parker." Die Botschaft, die bei mir ankam, war ungefähr: Wir stellen weiterhin alle Geräte zur Verfügung. Dass die neue Gestaltung für manche Menschen zusätzliche Barrieren schafft, sei letztlich deren persönliches Problem.

Bis zu diesem Moment hatte ich das Ganze tatsächlich als mein persönliches Problem betrachtet. Erst durch diese Antwort wurde mir klar, dass es vielleicht gar nicht nur um mich geht. Sondern um die Frage, welche Menschen wir bei der Gestaltung unserer Umwelt überhaupt mitdenken.
Im Behindertengleichstellungsgesetz wird Barrierefreiheit sinngemäß so definiert, dass Menschen mit Behinderungen etwas grundsätzlich ohne besondere Erschwernis und ohne fremde Hilfe nutzen können. Für Gebäude gibt es außerdem die DIN 18040. Sie regelt zum Beispiel Türbreiten, Rampen, Aufzüge, Bewegungsflächen für Rollstühle, Beschilderung oder Kontraste. Das alles ist wichtig. Sehr wichtig sogar.
Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass darin eine ganze Gruppe von Menschen kaum vorkommt:
Menschen mit ADHS. Menschen im Autismus-Spektrum. Menschen, deren größte Barrieren oft gar nicht sichtbar sind, sondern aus der Summe unzähliger Sinneseindrücke entstehen.
Das Behindertengleichstellungsgesetz beschreibt Barrierefreiheit unter anderem so, dass Menschen Angebote "ohne besondere Erschwernis" nutzen können.
Vielleicht sollten wir uns deshalb häufiger fragen, was für unterschiedliche Menschen überhaupt eine besondere Erschwernis ist.
Dabei geht es mir gar nicht um dieses Fitnessstudio. Es ist nur ein Beispiel. Ich kenne dieselben Situationen aus dem Berufsleben. Vor Kurzem schrieb eine Frau auf LinkedIn sinngemäß:
"Ich bin keine Extrawurst, weil ich von zu Hause aus arbeiten muss. Ich kann dort einfach produktiv sein."
Diesen Satz habe ich sehr gefühlt. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit im Großraumbüro. Vor mir führte ein Kollege lautstark Kundengespräche. Hinter mir diskutierten Marketing und Projektmanagement. Sie bemühten sich, leise zu sprechen.
Aber in einem Großraumbüro bedeutet "leise", dass man trotzdem jedes einzelne Gespräch hört. Ich saß irgendwann da und merkte, wie mein Puls immer weiter anstieg.
Damals hatte ich noch keine ADHS-Diagnose. Ich wusste nur: Ich muss hier raus.
Heute bin ich ziemlich sicher: Wenn ich damals nicht regelmäßig im Homeoffice hätte arbeiten dürfen, wäre mein zweiter Burnout wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit gewesen.
Ich glaube nicht, dass Fitnessstudios absichtlich Barrieren schaffen.
Genauso wenig wie Arbeitgeber bewusst Großraumbüros bauen, um Menschen mit ADHS oder Autismus das Leben schwer zu machen. Ich glaube, das Problem ist viel einfacher.
Wir werden bei der Planung schlicht nicht mitgedacht.
Und dabei müssen Veränderungen gar nicht groß oder teuer sein. Im Fitnessstudio würde ich gar nicht erwarten, dass Wände versetzt oder Geräte ausgetauscht werden. Oft würden schon kleine Dinge helfen: ein Raumteiler, ein Regal, ein paar große Pflanzen oder andere Sichtschutz-Elemente, die den Raum in kleinere Bereiche gliedern. Bereiche, in denen das Gehirn nicht ständig das Gefühl hat, den ganzen Raum gleichzeitig beobachten zu müssen.
Vermutlich ließen sich viele Barrieren mit erstaunlich einfachen Mitteln reduzieren, wenn man sie bei der Planung überhaupt mitdenkt.
Und genau deshalb würde mich eure Perspektive interessieren:
Wie müssten öffentliche Räume gestaltet sein, damit sie für euch wirklich barriereärmer werden?
Welche kleine Veränderung würde euren Alltag spürbar erleichtern?
Und vielleicht kennt jemand von euch sogar den Weg:
Wer entscheidet eigentlich darüber, wie Barrierefreiheit definiert wird?
Wer entwickelt DIN-Normen weiter?
Wo kann man solche Perspektiven überhaupt einbringen?
Denn ich habe den Eindruck, dass Menschen mit ADHS und Autismus in dieser Diskussion bisher kaum vorkommen.
Vielleicht wird es Zeit, dass sich das ändert.



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