Und jetzt? – Warum der Wechsel zwischen Aufgaben bei ADHS manchmal so schwerfällt
- Meike Parker
- vor 17 Minuten
- 8 Min. Lesezeit

Ich lese für mein Leben gerne, aber was ich in den letzten Jahren bei mir wahrnehme, ist: Wenn ich ein Buch beendet habe, fällt es mir unglaublich schwer, mich auf ein neues einzulassen.
Ich stehe dann vor meinem Bücherschrank und all den Büchern, die ich mir mal ausgesucht habe, weil ich dachte: Boah, die klingen richtig spannend. Und dann denke ich mir: Und was ist, wenn sie nicht so spannend sind? Oder ich habe das Gefühl, ich betrüge das andere Buch, wenn ich jetzt gleich wieder ein neues anfange.
Ich meine, natürlich lese ich immer noch viel, allein schon beruflich, weil ich versuche, mich immer auf dem neuesten Stand der Forschung zu halten. Ich bleibe dabei: Je besser wir unser ADHS verstehen, desto besser können wir damit umgehen und desto besser können wir das auch zu unserem Vorteil nutzen.
Aber dieses Umschwenken von dem einen auf das andere fällt mir tatsächlich schwerer. Vor allen Dingen privat, wenn ich lesen möchte.
Oder ich habe mich bei Netflix auf eine Serie eingeschossen. Und dann ist die zu Ende und ich muss mir eine neue aussuchen.
Oder ich habe eine Aufgabe erledigt und dann ist da dieses: Okay. Und was mache ich jetzt als Nächstes?
Ich denke, das ist etwas, das viele Leute kennen. Aber wir mit ADHS tun uns damit manchmal besonders schwer. Nicht immer und nicht mit allem, aber manchmal schon.
Und in den sozialen Medien findet man immer wieder diese lustigen Witze: Ich muss dann noch im Auto sitzen bleiben, bevor ich aussteigen kann. Oder ich muss noch das Lied zu Ende hören, bevor ich XY machen kann.
Und wie bei allen Scherzen ist es natürlich überzogen. Aber es steckt auch immer ein wahrer Kern darin.
Und damit sind wir bei einer unserer exekutiven Funktionen: der kognitiven Flexibilität.
Kognitive Flexibilität bei ADHS – was sagt die Forschung?
Kognitive Flexibilität gehört zu den exekutiven Funktionen. Gemeint ist damit unsere Fähigkeit, unser Denken und Handeln an veränderte Situationen und Anforderungen anzupassen. Dazu gehört auch das sogenannte Set Shifting oder Task Switching, also der Wechsel von einer Aufgabe, einer Regel oder einem gedanklichen Set zu einem anderen.
Da wird es bei ADHS interessant.
Eine Meta-Analyse von Boonstra und Kolleg aus dem Jahr 2005 untersuchte 13 Studien zu exekutiven Funktionen bei Erwachsenen mit ADHS. Für das Set Shifting fanden die Forschenden einen Unterschied mittlerer Größe zwischen Erwachsenen mit und ohne ADHS (Effektstärke d = 0,65). Ähnliche Unterschiede fanden sie allerdings auch bei anderen exekutiven Funktionen.[1]
Eine große Meta-Analyse aus dem Jahr 2024, in die insgesamt 180 Studien einflossen, bestätigt dieses differenzierte Bild. Menschen mit ADHS zeigen im Durchschnitt Schwierigkeiten in verschiedenen Bereichen der exekutiven Funktionen. Dazu gehören unter anderem Aufmerksamkeit, Inhibition, Planung und Arbeitsgedächtnis. Unterschiede beim Set Shifting finden sich ebenfalls, allerdings nicht als eindeutiges, isoliertes ADHS-Merkmal.[2]
Die Forschung findet also tatsächlich Hinweise darauf, dass Menschen mit ADHS solche Wechsel schwerer fallen können. Die spannende Frage ist aber: Warum?
Woran ich mich noch gut aus meinem Büroalltag erinnere, ist dieses Gefühl nach einem Meeting. Das Meeting ist vorbei und eigentlich sollte ich sofort mit etwas völlig anderem weitermachen: eine Präsentation erstellen, jemanden anrufen, etwas testen oder an einem Konzept weiterarbeiten.
Aber so einfach war das nicht.
Ich brauchte erst einmal Zeit, um aus dem einen Thema herauszukommen und mich gedanklich auf das nächste einzustellen.
Gleichzeitig würde ich mich überhaupt nicht als unflexibel bezeichnen.
Wenn beim Kochen etwas schiefläuft, kann ich ziemlich problemlos improvisieren. Ich stelle fest, dass mir eine bestimmte Zutat fehlt? Dann überlege ich, was ich stattdessen verwenden oder wie ich das Gericht verändern kann. Ich habe ein Abendessen für zwei Personen geplant und plötzlich kommt noch jemand dazu? Dann überlege ich, wie ich das Gericht so ergänzen oder verändern kann, dass jetzt drei Personen davon satt werden und es trotzdem noch schmeckt.
In der einen Situation fällt mir Flexibilität schwer, in der anderen überhaupt nicht.
Dass ich in einer Situation flexibel auf eine Veränderung reagieren kann, heißt also nicht automatisch, dass mir auch der Wechsel zwischen zwei völlig unterschiedlichen Aufgaben leichtfällt.
Aber was genau messen wir eigentlich, wenn wir kognitive Flexibilität untersuchen? Ist wirklich das Umschalten schwierig oder sind es andere exekutive Funktionen, die wir dafür gleichzeitig brauchen?
Groves und Kolleg haben 2019 genau das genauer untersucht.[3]
Denn viele Tests zur kognitiven Flexibilität verlangen von uns weit mehr als nur das Umschalten von A auf B.
Ein Beispiel aus meinem Alltag: Wenn ich zu Hause etwas umgeräumt habe, passiert es mir noch erstaunlich lange, dass ich zuerst am alten Platz danach suche.
Dabei war ich diejenige, die es umgeräumt hat. Ich müsste doch wissen, dass es da nicht mehr ist.
Und natürlich weiß ich es auch.
Aber mein Gehirn hat über die Jahre gelernt: Wenn du dieses Ding brauchst, gehst du dorthin. Jetzt muss ich nicht nur wissen, wo der neue Platz ist. Ich muss auch die alte, längst automatisierte Reaktion unterdrücken.
Und genau darum geht es bei der Inhibition: die Fähigkeit, einen Impuls, eine automatische Reaktion oder ein gerade naheliegendes Verhalten zu hemmen, wenn es in der aktuellen Situation nicht mehr passt.
Ich weiß also, wo der neue Platz ist. Dieses Wissen allein reicht aber nicht immer aus, um die alte automatisierte Handlung sofort zu stoppen. Ein „Aber du weißt doch, dass es da nicht mehr liegt!“ hilft meinem Gehirn in diesem Moment entsprechend wenig.
Gleichzeitig muss die neue Information verfügbar sein: Das Ding liegt jetzt woanders. Dafür brauchen wir unter anderem unser Arbeitsgedächtnis. Das Arbeitsgedächtnis ermöglicht uns, Informationen für kurze Zeit im Kopf verfügbar zu halten und mit ihnen zu arbeiten.
Bei einem Wechsel können also mehrere exekutive Funktionen gleichzeitig gefragt sein. Und genau das macht es schwierig herauszufinden, ob Menschen mit ADHS tatsächlich ein Problem mit dem Umschalten selbst haben.
Groves und Kolleg versuchten deshalb, diese verschiedenen Anforderungen in ihrer Untersuchung besser voneinander zu trennen. Dafür nutzten sie eine Aufgabe, bei der die Kinder große Formen sahen, die wiederum aus vielen kleinen Formen zusammengesetzt waren. Je nach Bedingung mussten sie auf die große Gesamtform, auf die kleinen Formen oder abwechselnd auf beides achten. So konnten die Forschenden besser unterscheiden, welche Schwierigkeiten mit dem Wechsel selbst zusammenhingen und welche mit anderen exekutiven Anforderungen.[3]
Das Ergebnis: Die Kinder mit ADHS machten beim Wechsel zwar mehr Fehler. Wenn die anderen für einen korrekten Wechsel notwendigen Prozesse funktioniert hatten, waren sie beim eigentlichen Umschalten aber nicht überproportional langsamer als die Kinder ohne ADHS. Die Forschenden fanden deshalb keine überzeugenden Hinweise auf ein eigenständiges Set-Shifting-Defizit bei ADHS.[3]
Für uns ist daran vor allem eines wichtig: Nur weil ich Schwierigkeiten bei einer Aufgabe habe, bei der ich umschalten muss, wissen wir noch nicht automatisch, dass das Umschalten selbst mein Problem ist.
Nehmen wir noch einmal meinen Bücherschrank.
Ich habe ein Buch beendet und möchte ein neues anfangen. Von außen sieht das ziemlich simpel aus: Altes Buch zu, neues Buch auf.
Aber was passiert dazwischen?
Vielleicht fällt es mir schwer, mich von der Geschichte zu lösen, mit der ich mich die letzten Tage beschäftigt habe. Gleichzeitig stehen da jede Menge neue Bücher und ich muss mich für eines entscheiden. Ich muss meine Aufmerksamkeit von der alten Geschichte auf eine völlig neue richten. Und dann soll ich mich auf neue Figuren und eine neue Welt einlassen, von der ich noch überhaupt nicht weiß, ob sie mich genauso packen wird.
Was davon macht mir den Wechsel schwer?
Ist es tatsächlich das Umschalten selbst? Das Loslassen des Alten? Die Entscheidung für das Neue? Die Neuorientierung meiner Aufmerksamkeit? Oder kommen mehrere Dinge zusammen?
Vielleicht lohnt es sich also, beim nächsten Mal nicht nur festzustellen: „Ich komme gerade nicht weiter“, sondern einen Moment zu schauen: Wo genau hänge ich eigentlich gerade?
Nicht anfangen können ist also nicht immer Task Initiation
Nehmen wir wieder mein Beispiel aus dem Büro. Das Meeting ist vorbei und als Nächstes müsste ich eine Präsentation erstellen.
Ich sitze vor meinem Rechner und fange nicht an.
Das kann daran liegen, dass ich gedanklich noch im Meeting hänge. Dann muss ich erst einmal aus A herauskommen und zu B wechseln.
Es kann aber auch sein, dass das Meeting für mich längst erledigt ist. Ich weiß, dass ich jetzt die Präsentation machen möchte. Ich weiß vielleicht sogar, was der erste Schritt wäre. Trotzdem bekomme ich den Motor nicht gestartet.
Das ist Task Initiation: die Fähigkeit, eine Handlung oder Aufgabe tatsächlich zu beginnen. Über Task Initiation und warum das Anfangen bei ADHS manchmal so schwer ist, habe ich hier schon ausführlicher geschrieben.
Beides kann auch zusammenkommen. Ich brauche erst Zeit, um aus dem Meeting herauszukommen, und habe anschließend trotzdem Schwierigkeiten, mit der Präsentation anzufangen.
Das sichtbare Ergebnis ist jedes Mal dasselbe: Ich fange mit der Präsentation nicht an. Was dahinter passiert, kann aber sehr unterschiedlich sein.
Deshalb schaue ich in meiner Psychoedukation mit meinen Klient auch genauer hin: Womit habe ich eigentlich Schwierigkeiten? Und zu welcher exekutiven Funktion könnte das passen?
Denn wenn wir verstehen, wo es gerade hakt, können wir viel gezielter überlegen, was helfen könnte.
Übergänge brauchen (manchmal) Zeit
Eine Sache habe ich für mich inzwischen verstanden: Ich brauche für manche Wechsel Zeit.
Nach einem Meeting sofort in eine völlig andere Aufgabe springen? Funktioniert bei mir eher schlecht.
Also plane ich diese Übergänge inzwischen bewusster mit ein.
Und da sind wir wieder bei einem Thema aus meinem letzten Blog über ADHS und Zeitgefühl: Wir verschätzen uns schnell darin, wie viel Zeit wir tatsächlich brauchen.
Wir planen gerne die Zeit für die eigentlichen Aufgaben. Eine Stunde für das Meeting. Zwei Stunden für den Blog. Danach kommt die nächste Aufgabe.
Was in dieser Rechnung fehlt, ist die Zeit dazwischen.
Wenn mein Meeting um 11 Uhr endet und die nächste Aufgabe um 11 Uhr beginnt, habe ich meinem Gehirn exakt null Minuten gegeben, um vom einen zum anderen umzuschalten.
Und dann wundere ich mich, warum mein schöner Zeitplan schon wieder nicht funktioniert.
Die Zeit, die ich zum Umschalten brauche, gehört für mich deshalb inzwischen mit in die Planung. Vielleicht sind es fünf Minuten, vielleicht zehn, vielleicht brauche ich nach einer sehr intensiven Aufgabe auch länger.
Ich brauche diese Zeit zum Umschalten, ob ich sie eingeplant habe oder nicht. Wenn ich sie in meiner Planung ignoriere, sorgt das am Ende nur dafür, dass ich wieder hinter meinem eigenen Zeitplan herlaufe.
Den Übergang bewusst gestalten
Es hilft mir außerdem, nicht nur Zeit für den Übergang einzuplanen, sondern diese Zeit auch tatsächlich als Übergang zu nutzen.
Nach einem Meeting stehe ich zum Beispiel erst einmal auf, hole mir etwas zu trinken oder gehe kurz vor die Tür. Danach setze ich mich wieder an den Schreibtisch und beginne mit der nächsten Aufgabe.
Und bei meinem Bücherproblem kann der Übergang auch einfach bedeuten, das alte Buch erst einmal beendet sein zu lassen. Ich muss nicht am selben Abend das nächste aus dem Regal ziehen.
Vielleicht nehme ich am nächsten Tag ein neues Buch in die Hand, lese ein paar Seiten und schaue, ob ich mich darauf einlassen kann.
Denn wenn ich weiß, dass mein Gehirn bei manchen Wechseln ein bisschen Zeit braucht, um von A nach B zu kommen, kann ich ihm diese Zeit auch geben.
Und was ist jetzt mit meinem Bücherregal?
Mein Mann löst das Problem mit der Auswahl des nächsten Buches übrigens so, dass er sich

ein paar Regeln überlegt hat: immer abwechselnd eines auf Deutsch, dann wieder eines auf Englisch und immer aus einem anderen Genre. Im Moment liest er „Die Geschichte der Seuchen“, danach kommt vielleicht der nächste Krimi seines Lieblingsautors.
Ich selber erlaube mir einfach die Zeit, bis ich bereit bin, mich auf das nächste Buch einzulassen. Und mache in der Zeit eben etwas anderes.
Im Moment habe ich das Nähen für mich entdeckt. ;-)
Quellen
[1] Boonstra, A. M., Oosterlaan, J., Sergeant, J. A. & Buitelaar, J. K. (2005). Executive functioning in adult ADHD: a meta-analytic review. Psychological Medicine, 35(8), 1097–1108.https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16116936/
[2] Townes, P. et al. (2024). Executive function deficits in attention-deficit/hyperactivity disorder and autism spectrum disorder. Nature Human Behaviour.https://www.nature.com/articles/s41562-024-02000-9
[3] Irwin, L. N., Kofler, M. J., Soto, E. F. & Groves, N. B. (2019). Do Children with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) Have Set Shifting Deficits? Neuropsychology, 33(4), 470–481.https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6668027/




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