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Das Gegenteil von „Gut“ ist „Gut gemeint“

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Ich habe neulich dieses Schaubild zum Thema Neurodiversität gefunden. Und je länger ich mich damit beschäftige, desto wütender werde ich.


Als Betroffene schaue ich mir das an und denke: Haben die mit irgendjemandem geredet, der betroffen ist, der sich auskennt?


Dieses ganze Schaubild schreit für mich nach: „Oh, wir müssen etwas machen. Das ist ein wichtiges Thema. Kennen wir uns aus? Nein. Fragen wir mal ChatGPT oder irgendeine andere KI.“


Warum schreit das für mich nach KI?


Weil nichts daran wirklich falsch ist.


Ja, das sind sinnvolle Tipps, die hier gegeben werden. Direkte Kommunikation ist immer von Vorteil. Auch ein Follow-up nach einem mündlichen Gespräch zu senden, ist immer von Vorteil. Dass man dem anderen den Benefit of the Doubt gibt, wenn man etwas als unhöflich empfindet – wie fehlenden Blickkontakt oder das Herumspielen mit irgendetwas –, ist eigentlich Common Sense.


Also: Nichts daran ist wirklich falsch.


Aber nichts daran ist auch wirklich richtig.


Neurodivergenz ist keine Diagnose und schon gar kein einheitliches Persönlichkeitsprofil, sondern ein Oberbegriff, unter dem sehr unterschiedliche neurologische Ausprägungen zusammengefasst werden.


Ich bin in diesem Sinne nicht „neurodivers“. Ich habe ADHS. Ich bin ADHSlerin und damit Teil dieser Gruppe. Aber man diagnostiziert mich nicht als „neurodivers“.

Autismus hat Ausprägungen, die sich von ADHS unterscheiden. ADHS ist etwas grundsätzlich anderes als Legasthenie oder Dyskalkulie. Trotzdem werden die drei im Schaubild genannten Formen – ganz zu schweigen von denen, die in der Aufzählung fehlen – in den Buckets zusammengezogen, als wäre es nur eine Diagnose.


Ja, ich sehe: Das soll eine Art Cheat Sheet sein. Das soll positiv sein. Das soll Menschen helfen, besser miteinander umzugehen.


Geschenkt.


Aber was damit eigentlich erreicht wird, ist: Guck mal, wir bauen neue Stereotype auf.


Nehmen wir zum Beispiel den Satz: „Fehlender Blickkontakt bedeutet nicht mangelnden Respekt oder Desinteresse.“


Ja. Aber ich selbst habe ADHS und überhaupt kein Problem mit Blickkontakt.

Oder: „Vermeide Sarkasmus.“ Ich selbst bin super sarkastisch und liebe dieses Banter.

Oder die soziale Energie: Wenn Kollegen Einladungen zum Mittagessen ablehnen, braucht das keinerlei Erklärung.


Ich sehe die Intention hinter diesem Cheat Sheet. Und ich sehe, was damit erreicht werden soll. Aber ich raufe mir die Haare, weil es so sehr am Tatsächlichen vorbeigeht.

Wenn ich mir die Buckets anschaue, die hier aufgemacht werden – „Soziale Interaktion & Stimming“, „Kommunikationsstile“, das „Spitzen-Profil“ –, dann werden schon innerhalb dieser Kategorien verschiedene Dinge miteinander vermischt.


Das Spitzen-Profil ist, glaube ich, an die Führungskräfte gerichtet. Nach dem Motto: Manche Dinge können diese Menschen richtig gut und andere eben nicht so gut.


You don't say? Zeigt mir irgendeinen Mitarbeiter, auf den das nicht zutrifft.


Und dann heißt es: „Kann genial in Mustererkennung sein.“ Das ist ein Stereotyp über Autisten.

„Schwierigkeiten mit Organisation oder Zeitmanagement.“ Das ist ein Stereotyp über Menschen mit ADHS.

Ich selbst habe überhaupt kein Problem mit Zeitmanagement. Aber Datenanalyse ist für mich ein Graus.


Vielleicht macht mich dieses Schaubild auch deshalb so wütend: Wir brauchen als Betroffene keine verdammte Gebrauchsanweisung dafür, wie man mit uns umgehen soll.


Das, was uns hilft, in der Arbeitswelt gut zurechtzukommen, hilft auch allen anderen.


Having said that: Was hätte ich anders gemacht?

Ich hätte mit einer kurzen Definition angefangen: Was ist Autismus? Was ist ADHS? Was ist Legasthenie? Was ist Dyskalkulie? Was ist AuDHS?


Ich würde wohl keine Liste mit möglichen beobachtbaren Verhaltensweisen erstellen – vermeidet Blickkontakt, ist unorganisiert –, sondern eher sagen: Weil Gehirne unterschiedlich funktionieren, kann auch Verhalten irritieren, wenn es „gefühlt“ von der „Norm“ abweicht.

Und dann würde ich mich auf drei Dinge konzentrieren:


1. Gebt uns den Benefit of the Doubt

Geht zunächst einmal davon aus, dass das, was wir sagen und tun und wie wir uns verhalten, nichts mit euch zu tun hat. Sondern ganz viel mit uns selbst. Dass die Art, wie wir uns verhalten, oft dazu gedacht ist, uns selbst zu schützen.

Wenn ich Kopfhörer aufsetze, weil ich mich damit besser konzentrieren kann, ist das nichts gegen euch. Wenn ich mit Kollegen, die ich sehr mag, einmal nicht zum Mittagessen gehe, mag ich sie deshalb nicht weniger. Vielleicht brauche ich einfach meine Ruhe.

Und ja: Auch wir denken manchmal nicht von der Tapete bis zur Wand und fragen uns nicht, wie das, was wir tun, vielleicht bei anderen ankommt.


2. Hinterfragt eure eigenen Urteile

Macht euch eure eigenen impliziten Biases bewusster, damit sie eben nicht mehr ganz so implizit sind.

Reflektiert darüber, ob ihr ein Verhalten als unhöflich empfindet, weil ihr gelernt habt, dass es unhöflich ist.

Nehmen wir nur den Blickkontakt als Beispiel: Die Vorstellung, fehlender Blickkontakt sei unhöflich, ist etwas sehr Westliches. In Japan kann es dagegen unhöflich sein, direkten Blickkontakt zu halten.

All das ist also immer auch in einem kulturellen Kontext zu sehen.

Ich würde mir von meinem Gegenüber wünschen, dass es nicht vorschnell in die Bewertung geht, wenn es ein bestimmtes Verhalten sieht. Sondern erst einmal reflektiert:

Moment. Welche meiner Glaubenssätze, Vorstellungen und kulturellen Standards interpretiere ich hier hinein?


3. Fragt uns, wenn ihr etwas nicht versteht oder komisch findet

Fragt nach. Werdet neugierig auf die Menschen, die euch irritieren.

Fragt: „Was brauchst du gerade? Kann ich etwas tun, um dein Leben leichter zu machen?“


Denn auch übertriebene Toleranz hilft im Alltag nicht.

In dem Schaubild steht sinngemäß: Wenn Kollegen mit dem Kugelschreiber klicken, wippen oder ein Fidget Toy benutzen, ignoriere es.


Auch ich als ADHSlerin möchte jemandem an den Hals gehen, wenn die Person neben mir ununterbrochen mit dem Kugelschreiber klickt. Das dauert keine Minute, weil mich das selbst unglaublich irritiert.


Dann kann ich fragen: „Sollen wir eine Pause machen?“ Und vielleicht spreche ich die Person in der Pause an und sage: „Können wir einen anderen Weg finden, wie du dieses Bedürfnis nach Stimming lösen kannst, ohne disruptiv für die Gruppe zu sein – und ohne dass ich dir an den Hals gehen möchte?“


Ich denke, dass diese drei Dinge uns wirklich, wirklich, wirklich weiterhelfen würden – anstelle dieser gut gemeinten Tipps, die hier auf dem Schaubild gelistet sind.

Und jetzt, wo ich mich in Rage und wieder aus meiner Rage herausgeschrieben habe, würde mich interessieren:


Was stört euch am an diesem Schaubild? Oder auch - was findet ihr gut?

 
 
 

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