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ADHS: Selbstfürsorge ist eine Investition ins Morgen

  • Autorenbild: Meike Parker
    Meike Parker
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Müde Frau am Schreibtisch vor Laptop, wischt sich die Stirn; Ventilator, Wasserflasche und Kaffeetasse im sonnigen Büro.
Es ist seit Wochen viel zu heiß und mein ADHS wird viel schwieriger zu managen.

Wir haben mittlerweile seit Wochen fast jeden Tag um die 30 Grad hier in Stuttgart. Und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber meine Wohlfühltemperatur endet irgendwo bei 22 Grad. Ab 25 Grad bin ich im Grunde zu nichts mehr zu gebrauchen.


Ich weiß ehrlich gesagt nicht, woran es liegt. ADHS? Hashimoto? Medikamente? Ein paar Kilo zu viel? Oder die Perimenopause? Wahrscheinlich spielt alles irgendwie mit hinein.


Aber wenn mir zu warm wird, verändert sich etwas.

Meine Haut wird dünner. Im übertragenen Sinn. Dinge, die ich sonst einfach wegstecke, gehen mir plötzlich unter die Haut. Ich werde schneller gereizt. Ungeduldiger. Und vor allem sehr viel kritischer mit mir selbst.


Heute Morgen stand ich vor meinem Kleiderschrank, habe mich bestimmt dreimal umgezogen und irgendwann nur noch gedacht: "Aaaaaaarrrrrgh! Ich habe nichts anzuziehen!" An dieser Stelle ein kleiner Gruß an alle, die gerade mitten in der Perimenopause oder den Wechseljahren stecken. Nein, ihr bildet euch das nicht ein. Der Körper verändert sich. Und manches, was letztes Jahr noch gut aussah, sitzt plötzlich nicht mehr richtig oder betont genau die Stellen, die man eigentlich lieber verstecken würde.


Dazu kommen Kopfschmerzen. Meine Konzentration verabschiedet sich. Ich habe keine Lust mehr, in warmen Räumen zu sitzen, die sich kaum lüften lassen. Noch im letzten Blog habe ich geschrieben, wie sehr ich mein kleines Büro einmal pro Woche genieße. Heute sitze ich hier und denke: Eigentlich würde ich viel lieber wieder nach Hause fahren.


Geht aber nicht. Heute Nachmittag wartet noch eine Klientin auf mich.


Mein Körper ist am Ende. Es war einfach zu lange zu heiß.


An guten Tagen habe ich 100 % Energie zur Verfügung. Nach den letzten Wochen sind es heute eher noch 20 %.


Wie wahrscheinlich den meisten von euch stellt sich für mich gar nicht die Frage, ob ich heute etwas mache. Die eigentliche Frage lautet: Wie setze ich diese 20 % so ein, dass ich morgen nicht mit noch weniger Energie aufwache?


Ich glaube, viele von uns mit ADHS kennen dieses Gefühl. Irgendwie muss doch alles zu schaffen sein. Und meistens schaffen wir es sogar. Nur bezahlen wir dafür mit der Energie von morgen. Wir nehmen einen Energiekredit auf. Am nächsten Morgen starten wir nicht wieder bei 100 %, sondern vielleicht nur noch bei 70 %. Also strengen wir uns noch mehr an und nehmen den nächsten Energiekredit auf... usw. Das kann zu einer Negativspirale führen, die am Ende in Erschöpfung oder sogar einem Burnout endet.


Prioritäten setzen gehört allerdings nicht unbedingt zu unseren größten Stärken. Vieles auf unserer To-do-Liste fühlt sich gleich wichtig an. Mir hilft deshalb manchmal ein anderes Bild:


Stellt euch vor, ihr habt heute nur noch 20 Euro in der Tasche. Und euer Konto ist leer. Es gibt keinen Dispokredit, keine Kreditkarte und niemanden, der euch schnell noch Geld leiht. Diese 20 Euro müssen bis morgen reichen.


Mit diesen 20 Euro geht ihr wahrscheinlich nicht schick essen. Ihr kauft die Dinge, die ihr wirklich braucht. Etwas zu trinken. Etwas Vernünftiges zu essen. Das, was euch gut durch den Tag bringt. Genauso versuche ich inzwischen auf meine Energie zu schauen.


Ich stelle mir zwei Fragen:

Wofür muss ich meine Energie heute ausgeben?


Und:

Wie kann ich einen Teil davon so investieren, dass ich morgen nicht wieder mit einem fast leeren Konto aufwache?


Wenn ich mich entscheiden muss, was heute mit meinen 20 % Energie überhaupt möglich

Wenn keine Energie da ist: konzentriert euch auf das, was Wichtig und Dringend ist... alles andere muss warten.
Wenn keine Energie da ist: konzentriert euch auf das, was Wichtig und Dringend ist... alles andere muss warten.

ist, hilft mir manchmal die Eisenhower-Matrix. Sie teilt Aufgaben in vier Kategorien ein: wichtig und dringend, dringend aber nicht wichtig, wichtig aber nicht dringend sowie weder wichtig noch dringend. Für mich sieht das heute ungefähr so aus:


  • Wichtig und dringend? Der Termin mit meiner Klientin. Dafür möchte ich heute genug Energie haben.

  • Dringend, aber nicht so wichtig? Zum Beispiel ein Paket zur Post bringen, weil die Rückgabefrist abläuft. Das muss heute passieren, kostet aber hoffentlich nicht allzu viel Energie.

  • Wichtig, aber nicht dringend? Ein Angebot fertig machen oder neue Ideen für den nächsten Blog sammeln. Das bringt mich langfristig weiter, muss aber nicht unbedingt heute erledigt werden.

  • Weder wichtig noch dringend? Das darf heute ganz bewusst liegen bleiben.


Selbst wenn ich weiß, was Priorität hat, bleibt noch eine zweite Frage: Muss das heute wirklich perfekt werden?


Das Pareto-Prinzip beschreibt vereinfacht, dass wir mit etwa 20 % unseres Aufwands häufig schon 80 % des Ergebnisses erreichen. Für die letzten Prozent Perfektion investieren wir oft unverhältnismäßig viel zusätzliche Energie.


Gerade Menschen mit ADHS oder Autismus entwickeln häufig einen starken Perfektionismus. Dahinter steckt oft der Wunsch, keine Angriffsfläche zu bieten. Wenn alles perfekt ist, kann mich niemand kritisieren.

Aber gerade an Tagen, an denen wir ohnehin schon auf dem Zahnfleisch gehen, kostet uns dieser Perfektionismus Kraft, die wir eigentlich für wichtigere Dinge bräuchten.


Wenn also mein Energiekonto fast leer ist, kann ich es mir schlicht nicht leisten, meine wenige Energie in die letzten Prozent Perfektion zu stecken. An solchen Tagen ist "gut genug" eben genau das: gut genug. Alles andere kostet Energie, die mir morgen fehlen wird. "Gut genug" ist in diesem Moment Selbstfürsorge.


Denn Selbstfürsorge ist kein Wellnessprogramm.

Sie ist eine Investition.

Eine Investition in morgen.

Oder besser gesagt: eine Investition ins Morgen.


Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir morgen überhaupt wieder Energie zur Verfügung haben.

Deshalb werde ich heute langsam arbeiten:

  • Meine Wasserflasche steht neben mir.

  • Der Kaffee auch.

  • Mein Frühstück wartet noch.

  • Ich werde Pausen machen.

  • Ich werde meine Energie so einteilen, dass ich heute Nachmittag für meine Klientin wirklich da sein kann.


Und alles, was bis morgen warten kann, wird bis morgen warten. Apropos morgen: Da meine Katzen mich ohnehin jeden Morgen gegen halb sechs wecken, kann ich die kühlen Morgenstunden nutzen, um das Wichtigste zu erledigen. Dann ist der Kopf noch klar, die Temperaturen sind erträglich und mein Energiekonto hoffentlich wieder etwas voller.

Denn manchmal besteht Selbstfürsorge nicht darin, mehr zu leisten. Sondern die Energie, die heute da ist, so einzusetzen, dass morgen wieder mehr davon zur Verfügung steht.

 
 
 

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